Energiewende gleich Klimaschutz? Kohleverstromung nimmt zu

23.07.2013

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Berlin - Der Ausbau grüner Energien boomt. Aber auch die Stromproduktion in Kohlekraftwerken. Die Union bekennt sich zu einer starken Rolle der Braunkohle, Greenpeace spricht von der "Kohlekanzlerin". Kommt bei der Energiewende der angepeilte Klimaschutz unter die Räder?

Nach Angaben der AG Energiebilanzen stieg 2012 die Stromgewinnung in Braunkohlekraftwerken um 8,9 Milliarden Kilowattstunden (kWh) auf 159 Milliarden - bei der Steinkohle waren es mit 118 Milliarden 5,6 Milliarden kWh mehr. Allein die klimaschädliche Braunkohleverstromung stieg damit um fünf Prozent. Bei der klimafreundlichen Stromgewinnung in Gaskraftwerken gab es hingegen ein Minus von 12,5 Milliarden kWh. Ein ähnliches Minus gab es wegen der Stilllegung von acht AKW bei der Atomkraft. Insgesamt lag das Wachstum bei der Kohleverstromung noch über dem bei Windkraft, Solarenergie, Biomasse und Wasserkraft.

Das Ergebnis in der deutschen Klimabilanz: Erstmals seit langem sind die Kohlendioxid-Ausstöße 2012 wieder gestiegen, um 2,2 Prozent. "Das ist ein Ausreißer in einer bisher positiven Entwicklung", versucht Altmaier zu beschwichtigen.

CDU und SPD gelten als kohlefreundlich

Aber wie passt es dazu, was im CDU/CSU-Wahlprogramm steht? Mit Blick auf die Energiewende wird dort ausdrücklich betont: "Durch den Einsatz modernster Technologien kann auch die heimische Braunkohle eine wichtige Rolle spielen". Auch die SPD ist kohlefreundlich, während die Grünen nach dem Atom- nun auch bis 2030 einen Kohleausstieg wollen. Das dürfte, sollte es für Rot-Grün bei der Bundestagswahl reichen, viel Zündstoff bergen.

Wenn man mal die großen Risiken der Atomkraft ausblendet, ist ganz nüchtern zu konstatieren, dass die Meiler den deutschen CO2-Ausstoß gedämpft hatten. Das gipfelte in der Lobbykampagne "Deutschlands ungeliebte Klimaschützer". Da waren zum Beispiel weidende Schafe auf einer grünen Wiese zu sehen, im Hintergrund klein das Atomkraftwerk Brunsbüttel. "Dieser Klimaschützer kämpft 24 Stunden am Tag für die Einhaltung des Kyoto-Abkommens", lautete die Werbebotschaft. Seit 2011 steht Brunsbüttel still, ebenso wie sieben weitere Meiler.

Kohle für eine verlässliche Grundlast

Seitdem heißt die Devise nicht nur für Grüne und Umweltschützer: Mehr Ökostrom braucht das Land. Grüne Energie ist in. Das Wachstum der vergangenen Post-Fukushima-Jahre war beeindruckend, gerade der Bau neuer Solaranlagen explodierte, Bürgerwindparks gründeten sich und die Atomkonzerne mussten Marktanteile abgeben. Aber da der Wind nicht immer bläst und die Sonne gerade im Winter nur selten stark scheint, sind verlässliche Grundlastkapazitäten weiter notwendig, die sich derzeit immer weniger rechnen.

Die jüngsten Warnungen der Branche vor Kraftwerksstilllegungen dürften auch mit Forderungen nach finanziellen Sondervergütungen nur für das Bereitstellen einer gesicherten Stromlieferleistung zu tun haben. Fakt ist aber auch, dass nicht so viel Kohlestrom produziert würde, wenn es sich gar nicht rechnen würde. Immer mehr wird auch ins Ausland verkauft.

Gaskraftwerke rechnen sich kaum

Der Traum von bis zu 80 Prozent Ökostrom dürfte mangels Speichern noch lange ein solcher bleiben. Eigentlich sollten CO2-ärmere Gaskraftwerke als AKW-Ersatz einspringen, doch genau daran hapert es. Gas ist als Brennstoff teurer - in der jetzigen Lage mit viel Öko- und Kohlestrom rechnet sich das kaum. Zudem führt der Fracking-Boom in den USA mit der Ausbeutung neuer Gasvorkommen dazu, dass dort weniger Kohle gebraucht wird. So wird die für die USA bestimmte Kohle mehr nach Europa verkauft, das steigende Angebot senkt die Preise.

Hinzu kommt der Preisverfall im EU-weiten Handel mit CO2-Verschmutzungsrechten. Die EU-Kommission peilte einst einen Preis von 30 Euro je Tonne ausgestoßenem CO2 an, dann kam die Krise und Europas Industrieproduktion brach ein - der Preis sackte auf unter drei Euro. Sehr zur Freude von Kohlestromproduzenten wie RWE und Vattenfall. So entfällt aber auch ein Anreiz, in CO2-ärmere Anlagen zu investieren. Wenn erst die restlichen deutschen Atommeiler bis 2022 vom Netz gehen, könnte der Kohleanteil daher von derzeit 44,8 Prozent beim Stromverbrauch ohne Gegensteuern auch auf 50 Prozent steigen.

Kann die Renaissance der Kohle noch gestoppt werden?

Nun sollen zwar als Notmaßnahme 900 Millionen CO2-Zertifikate vom Markt zurückgehalten werden, um den Preis wieder zu steigern. Doch ob das die Kohle-Renaissance bremsen kann, ist fraglich, zumal Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) diesen Eingriff auf EU-Ebene noch stoppen will. Die Bundesregierung ist in dieser Frage gespalten.

Kohlestrom bleibt allein wegen der Versorgungssicherheit wichtig - die Netzagentur kritisiert daher die aus Klimaschutzgründen in Hessen verfügte Stilllegung des 48 Jahre alten Kohlekraftwerks Staudinger I  scharf. Als Kanzlerin Angela Merkel (CDU) jüngst beim Jahreskongress des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft vorfuhr, hatten Kletterer von Greenpeace ein Banner an der Fassade des Interconti entrollt, darauf stand: "Von der Klimakanzlerin zur Kohlekanzlerin."

E.ON-Chef Johannes Teyssen fordert, sich über die Ziele der Energiewende klar zu werden: Nur das Ende der Kernenergie oder auch weniger Kohlendioxid? Ohne ehrgeizige Klimaziele würde auch bei mehr erneuerbaren Energien der "größte Teil unserer Energieversorgung weiter schmutziger werden", fürchtet Teyssen.