Grüner Traum, graue Wirklichkeit: Südafrika im Energie-Zwiespalt

01.03.2012

Bildquelle: ©Adobe Stock / Text: dpa

Kapstadt - Südafrika gehört für viele zu den schönsten Ländern dieser Welt. Das Land bemüht sich darum, sein  Image aufrecht zu erhalten - unter anderem mit ambitionierten Plänen für den Ausbau von Wind- und Sonnenenergie. Doch am meisten investiert Südafrika derzeit in neue Kohle- und Atomkraftwerke.

Noch vor drei Monaten präsentierte sich Südafrika als Gastgeber der 17. UN-Klimakonferenz in Durban als grünes Musterland Afrikas. "Wir wollen zur ersten grünen Wirtschaft Afrikas werden", betonte damals Industrieminister Rob Davies. 42 Prozent des Energiebedarfs am Kap sollen bis 2030 aus Sonne, Wind und Biomasse gewonnen werden. Selbst in der Regierung wird diese Prognose internen Papieren nach als extrem optimistisch angesehen.

30 Milliarden Euro für neue AKW

Nach den jetzt veröffentlichten Etatentwürfen der Regierung ist ohnehin klar, dass viel mehr Geld in traditionelle als in erneuerbare Energien fließen wird. Allein 300 Milliarden Rand (30 Milliarden Euro) sind für neue Kernkraftwerke vorgesehen. Unternehmen aus den USA, aus Japan, China, Frankreich, Korea und Russland stünden schon als Bewerber für die Projekte bereit, berichtete der "Business Day". Die 300 Milliarden "sind natürlich nur ein Anfang", gestand Energieministerin Dipuo Peters ein. "Die Spitze des Eisbergs", schätzte die "Cape Times" den zu erwartenden Etataufwand. Eine Billion Rand seien realistischer.

Bisher verfügt Südafrika über ein Kernkraftwerk in Koeberg nahe Kapstadt. Nach der Katastrophe von Fukushima wollte die Regierung genau prüfen, ob Kernkraftwerke in Südafrika sicher und beherrschbar seien. Noch bevor der Kommissionsbericht vorliegt, kündigte Pretoria nun Geldmittel für neue Akw an. Fukushima bewirkte nur eine Verzögerung der Projekte um ein Jahr. 2024 sollen sie stehen. Südafrikas Energieplan IRP sieht sechs Kernkraftwerke vor, die bis 2029 etwa 23 Prozent des Energiebedarfs abdecken würden. Heute sind es sechs Prozent.

Atombehörde bestreitet Gefahren

Schon kurz nach den Vorfällen in Fukushima hatte Südafrikas Atomaufsichtsbehörde NNR abgewiegelt. "Die Folgen des Atomunfalls, was den Verlust von Menschenleben angeht, sind im Vergleich zu der Zahl der Opfer als Folge der verheerenden Überschwemmungen unbedeutend", betonte NNR-Chef Boyce Mkhize. Die Behauptungen über Gefährlichkeit von Atomkraft basierten nicht auf Fakten. Angesichts der enorm hohen Arbeitslosigkeit und der bitteren Armut von Millionen genießt das Thema Atom in Südafrika ohnehin wenig Aufmerksamkeit.

"Wenn wir nicht die Lehren aus Fukushima ziehen, von was wollen wir dann lernen?", klagte Dianne McAlpine, eine Greenpeace-Aktivistin. Als fast einsame Stimme im Land protestierte die Umweltorganisation vehement gegen die Pläne, "die Südafrika in eine tödliche Energie-Zukunft führen". Atomenergie sei "teuer und nie sicher", betonte die Geologin Ferrial Adam von Greenpeace Afrika.

Land hat enormes Energieproblem

Südafrika hat ein enormes Energieproblem und ist dringend auf mehr Strom angewiesen. Erst jüngst musste der staatliche Stromversorger Eskom erneut vor Versorgungsengpässen warnen. Vor allem energie-intensive Bergwerke drosselten deshalb kurzzeitig ihre Produktion.

Südafrika zahlt heute den Preis dafür, dass seit 1990 kaum in Kraftwerke investiert wurde. Kürzlich verkündete Präsident Jacob Zuma aber ehrgeizige Infrastrukturpläne für neue Häfen und Eisenbahnen. Das alles braucht viel Energie. Zudem sind noch immer Millionen Südafrikaner in den Townships ohne Strom. Pretoria hat versprochen, das zu ändern.

Über 90 Prozent Kohlestrom

Die energiepolitische Gegenwart Südafrikas ist aus Sicht von Klima-und Umweltschützern trist: Über 90 Prozent des Stroms werden in Kohlekraftwerken produziert. Auch wenn die Kohlabhängigkeit bis 2030 zurückgedrängt werden soll, entstehen derzeit in Medupi und Kusile zwei riesige neue Kohlekraftwerke.

Zwar sind auch erhebliche Investitionen in erneuerbare Energien vorgesehen, große Windkraft- und Solarkraftprojekte sollen entstehen. In den kommenden Jahren stehen für solche Anlagen über 100 Milliarden Rand bereit - über die genaue Zahl gibt es widersprüchliche Angaben. Aber alle wissen, dass diese Projekte nur sehr begrenzt den Energiehunger Südafrikas stillen können.

Viele kleine Projekte sind nötig

Zudem klagen Experten über die staatlichen Strategien. "Der Staat konzentriert sich auf wenige Großprojekte und verhindert den Ausbau mittlerer und kleiner Solarprojekte", kritisierte Gregor Küpper, Südafrika-Geschäftsführer von Solarworld, einem in Deutschland beheimateten Unternehmen. Gerade kleinere Anlagen aber wären wichtig zur Lösung der Energieprobleme Südafrikas.

Südafrikas große Anstrengungen auf dem Energiesektor werden die Konsumenten und die Wirtschaft mit bezahlen müssen. Steigende Strompreise "haben einen erheblichen Effekt auf viele Sektoren wie Landwirtschaft und die verarbeitende Industrie. Sie beeinträchtigen unsere internationale Konkurrenzfähigkeit", so der Wirtschaftsexperte Barry Bredenkamp vom nationalen Energie-Institut Sanedi. Hinzu kommen die Befürchtungen der Wirtschaft über CO2-Steuern und den Beginn eines CO2-Emissionshandels - beides hat Pretoria angekündigt.