Citroën Ami: Der Würfel schlägt sich wacker im Stadtverkehr

08.09.2020 | 08:23

Bildquelle: ©Citroën / Text: SP-X

Ein Stadt-Zwerg mit kleinem Elektromotor, 75 Kilometern Reichweite und einer Höchstgeschwindigkeit von nur 45 km/h. Ist der kleinste Citroën mit Namen Ami die Zukunft für den Verkehr in unseren Städten? Eine Safari durch den Berliner Großstadtdschungel.

Studie wird Wirklichkeit

So richtig ernst hat keiner das Unikum genommen, das da auf dem Genfer Salon im März 2019 als sogenannte Studie auf dem Citroën-Stand erstmals gezeigt wurde. Der zweisitzige Citroën One Concept ist mit 2,51 Metern gut 20 Zentimeter kürzer als ein Smart Fortwo, aber mehr als überdachter und beheizter Motorroller gedacht. Fast folgerichtig darf der Ami getaufte Winzling schon von 15-Jährigen mit Führerscheinklasse AM bewegt werden. Der Traum der Pariser Ingenieure landete aber nicht wie die meisten solcher Studien im Firmenmuseum. Jetzt ist die Serienversion des vollelektrischen Ami wirklich da und kommt mit einer 5,5 kWh-Batterie bis zu 75 Kilometer weit, rennt nicht schneller als 45 km/h und ist in drei Stunden an der Haushaltssteckdose wieder aufgeladen.

Rollender Würfel mit Panoramadach

Citroen Ami News Spotpress 2Bis auf etwas Schnickschnack, wie zum Beispiel die Leuchten vorn und hinten schafft es das Denkmodell also in die Serie. Ein rollender Würfel mit ganz kurzen Überhängen, im oberen Teil der Passagierkabine großzügig verglast, dank eines Panoramadaches so lichtdurchflutet wie es sonst nur Immobilienanzeigen versprechen. Ein wenig mutet das Fahrzeug an, als sei es einem Fischer-Technik Baukasten entsprungen. Bei aller nahezu unverkleideter Kargheit, nackten Blechteilen rund um den Dachhimmel oder Schlaufen anstatt der gewohnten Türgriffe kommt trotzdem bei beiden Insassen eine besondere andere Art von Wohnlichkeit auf. Das Motto: Die da draußen auf ihren E-Bikes, E-Rollern oder Vespas und wir hier drinnen, kuschelig warm unter dem Kunststoffdach.

Citroen Ami News Spotpress 3Genauso nämlich ist der Ami konzipiert. Als Alternative für die vielen zweirädigen Klein-Verkehrsmittel, die den Verkehr der Zukunft noch stärker prägen werden als ohnehin schon. Aber – gerade in Corona-Zeiten und Ähnlichem, was noch kommen könnte: Citroën hat auch Busse und Bahnen im Visier, den öffentlichen Personennahverkehr. Schließlich bietet der Franzose eine Privatsphäre wie ein richtiges Auto, mit eigener Musik aus einem stylischen Bluetooth-Lautsprecher oder einen Aschenbecher für die verbliebenen Süchtlinge.

Citroen News Spotpress 4Spaßmoment beim Einsteigen: Die Fahrertür öffnet wie einst bei den ersten 2CV-„Enten“ nach hinten, das rechte Pendant dagegen erledigt das wie gewohnt. Eine weitere Hommage an den Klassiker sind die Seitenfenster, die nicht gekurbelt, sondern nach oben geklappt werden. Die Türen werden per Schlaufe zugezogen, ein klassischer Dreh am Schlüssel und im Mini-Armaturenbrett erwacht digitales Leben. Links neben der linken Sitzauflage warten drei Schalter auf ihren Einsatz, die den Schaltknüppel von einst ersetzen.

Kein Wagen für die Autobahn

Skepsis vor einer Tour durch den Innenstadtverkehr der Hauptstadt. Gerade mal 6 kW/8 PS bedienen sich aus einem 5,5 kW-Akku. Droht ein Leben als Verkehrshindernis, wütend angehupt von all den anderen aus der „alten“ Autowelt. Der Pariser „Freund“ setzt sich singend in Bewegung, sein ganz eigenes Lied wird lauter und lauter, bis die Zahl „45“ aufleuchtet. Schneller geht´s nicht mal bergab. Natürlich wird er in der Praxis damit manchmal eine Spaßbremse sein, wenn der DHL-Laster wieder spät dran ist und in einer zweispurigen Straße nicht am Ami vorbeikommt.

Innenspiegel fehlt

Das Rumstromern durch die Berliner Innenstadt offenbart schnell, was so ein Ami kann und was nicht. Er liebt das Vorausdenken, zum Beispiel bei Annäherung an eine rote Ampel. Schnell wird gelernt, wann der Fuß vom Gas muss, um ohne Nutzung der Bremse punktgenau an der weißen Linie zum Stillstand zu kommen. Rekuperation also auch im Liliput-Land. Die Lenkung erfüllt alle Ansprüche des üblichen Stadt-Gekurbels, die Übersicht ist dank erwähnter üppiger Verglasung perfekt, solange man nicht nach hinten schauen muss: Ein Innenspiegel fehlt derzeit noch, seine äußeren Kollegen passen größenmäßig eher an Motorroller. Das liegt vielleicht daran, dass der Ami als „leichtes Vierradmobil für Personenbeförderung“ zugelassen ist. Die Regularien ersparen Citroën übrigens auch den Einbau von Airbags und sonstiger Technik wie ABS oder ESP, die normale vierrädrige Gefährte bieten müssen.

Keine Vorschrift ist Federungskomfort, der naturgemäß bei der Planung des Kleinen nicht im Vordergrund stand. Bei Bodenwellen oder ausgefransten Straßenbahnschienen hüpft er fröhlich umher, lässt dabei auch mehr oder weniger harte Schläge gen Innenraum zu. Das ist natürlich vor allem der Kürze des Ami geschuldet, sicher aber auch dem Rotstift der Citroën-Kaufleute. Was soll´s, dem Charme des Kleinen tut das keinen Abbruch. Bei der Tour durch Berlins Mitte fiel Erstaunliches auf. Nicht etwa die Jugendlichen, die in Gruppen organisiert die Hauptstadt erkunden, reckten die Köpfe nach dem singenden Würfel. Mehr Aufmerksamkeit spendeten die mittleren Jahrgänge und zückten ihre Handys.

In manchen Bundesländern schon ab 15 Jahren

Apropos Jugendliche: In Hessen, Rheinland-Pfalz und NRW darf der Ami schon ab 15 Jahren bewegt werden, in den anderen Bundesländern müssen die Fahrer ein Jahr älter sein. Sie werden dann daheim an Papas ganz normaler Steckdose andocken. Ein leerer Ami ist nach drei Stunden wieder fit für die nächste Tour. Der Vorteil des kleinen Akku von 5,5 kW/h. Der musste auch so kompakt sein, um dem Ami einen günstigen Preis spendieren zu können. Derzeit gibt es offizielle Preise nur für Frankreich. Da kostet der Ami 6.000 Euro, kann aber auch für 19,99 Euro monatlich bei einer Anzahlung von 2.600 Euro geleast werden. Die deutschen Preise sollen ähnlich sein.

Bei uns startet der Ami im ersten Quartal 2021. Bestellt werden kann er beim Händler, aber auch im Internet. Online konfigurieren, bezahlen und bald steht er wie ein Amazon-Paket vor der Tür. Wer 200 Euro ausgeben will, kann die Dienste eines Fachmanns nutzen, der das Auto dann vor Ort erklärt.

Autor: Peter Maahn