LG G4 im Test: Überragende Fotoqualität

01.06.2015

Bildquelle: ©Adobe Stock / Text: Verivox

Heidelberg - Dieses Smartphone könnte jede Hobby-Kamera überflüssig machen,  so stark sind seine Fotos. Doch auch an der weiteren Ausstattung des LG G4 haben die Koreaner kräftig geschraubt, außerdem steht eine Variante mit Echtleder-Rückseite in verschiedenen Farben zur Wahl. Der Test.

Schon das LG G3 lieferte hervorragende Fotos und Videos ab, doch mit dem G4 wollen die Koreaner das noch toppen. Dafür haben sie die Kamera scheinbar vom Reißbrett an neu entworfen. Zunächst einmal kommt ein neues Objektiv zum Einsatz, das laut Hersteller den Blendenwert f 1,8 aufweist – erstmals bei einem Smartphone überhaupt. Außerdem legte die Fläche des Foto-Sensors nach Herstellerangaben um 40 Prozent zu. Insgesamt landet also deutlich mehr Licht auf jedem Pixel. Das ermöglicht kürzere Verschlusszeiten bei schlechten Lichtverhältnissen, was wiederum zu weniger Verwackelungen führt. Dabei hilft außerdem der neue optische Bildstabilisator, der auch starke Bewegungen ausgleichen kann. LG behauptet, dass dieses System ebenfalls erstmals bei einem Mobiltelefon Verwendung findet. Nicht zuletzt sitzt neben der rückwärtigen Kamera nicht mehr nur ein Laser-Autofokus-System wie schon beim G3, sondern zusätzlich auch ein Farbspektrum-Sensor: ein weiteres Novum für Handys. Dieser analysiert sowohl die Farbtemperatur der Umgebung als auch des anvisierten Motivs und erhöht auf diese Weise die Genauigkeit des automatischen Weißabgleichs – Farben sollen dadurch natürlicher getroffen werden.

Überragende Fotoqualität

Im Test konnte das G4 die hoch gesteckten Erwartungen erfüllen: Bereits bei Tageslicht macht sich nicht nur die mit 16 statt 13 Megapixel etwas höhere Auflösung durch mehr Schärfe positiv bemerkbar, sondern auch Kontraste und Dynamik sind deutlich besser, was den subjektiven Eindruck von Schärfe weiter verstärkt. Außerdem werden Farben tatsächlich sichtbar natürlicher eingefangen. Bei mittleren Lichtbedingungen wie beispielsweise in geschlossenen Räumen hat das G4 ebenfalls die Nase vor seinem Vorgänger. Das Resultat sind schärfere, hellere Fotos mit geringerer Körnung. Dieser Eindruck verstärkt sich bei schlechten Lichtbedingungen, sowohl bei Einsatz des zweifarbigen LED-Blitzes als auch ohne. Kurzum: Das G4 produziert in jeder Lebenslage signifikant bessere Fotos als das G3 – und damit auch als die Konkurrenz. Obwohl auch das G4 nicht gänzlich perfekt ist, weil sich selten einmal bei diffusen Lichtverhältnissen der Hauch eines Farbstichs einschleicht und das Farbrauschen nicht völlig verschwindet, kann es dennoch als erster Kandidat im Test überhaupt die volle Punktzahl in der Fotowertung abräumen. Bessere Fotos kann man mit keinem Smartphone derzeit erzielen.

Manueller Modus

Damit nicht genug: LG hat für Profis noch zwei Schmankerl eingebaut. Zum einen lassen sich Fotos nun auch im RAW-Format abspeichern, also die unbearbeiteten Sensordaten. Diese benötigen zwar mehr Speicherplatz und müssen in aller Regel nachbearbeitet werden, führen dann jedoch zu hervorragenden Ergebnissen. Auf der anderen Seite macht der auf Wunsch automatisch zuschaltbare HDR-Modus des G4 einen prima Job, dessen Ergebnisse Amateuren in aller Regel vollauf genügen dürften. Die zweite Neuerung ist der manuelle Modus, in dem der Nutzer Fokus, Weißabgleich, ISO-Zahl und Belichtungszeit anpassen kann. Auf diese Weise lassen sich beispielweise Verschlusszeiten von bis zu 30 Sekunden realisieren: Das G4 taugt somit etwa auch für beeindruckende Nachtaufnahmen. Von diesem Modus können durchaus auch Amateure profitieren, denn die Software zeigt in Echtzeit das zu erwartende Ergebnis an.

Bessere Selfies

Erwähnt sei abschließend noch, dass die „Leiser“-Taste als mechanischer Auslöser dient – was allerdings nur bei Selfies von Nutzen ist: Bei Verwendung der Hauptkamera erweist sich der virtuelle Auslöser auf dem Touchscreen als komfortabler. Daneben findet sich separat ein zweiter Auslöser für Videos, was das lästige und zeitraubende Umschalten zwischen beiden Modi erspart. Leider immer noch weitaus keine Selbstverständlichkeit! Darüber hinaus kann mit dem „Leiser“-Button per Doppelklick eine Aufnahme aus dem Standby-Modus heraus geschossen werden: Je nach Situation dauert der gesamte Vorgang zwischen rund 2 und 6 Sekunden. Außerdem haben die Entwickler die Auflösung der Frontkamera von 2,1 auf 8 Megapixel angehoben. Ein LED-Blitz auf der Vorderseite wäre noch das Sahnehäubchen gewesen.

Videos in vierfachem Full HD

Die Videos profitieren ebenfalls von den neuen Technologien des G4: Schärfe, Belichtung, Kontraste, Dynamik und Farben gefallen signifikant besser. Auch in Full HD. Darüber, dass der Ton auf dem G3 lauter und aufgrund der kräftigeren Bässe natürlicher ist, kann man noch hinwegsehen respektive -hören. Unverzeihlich hingegen ist, dass der Autofokus gelegentlich pumpt, denn beim G3 war gerade der superstabile Scharfsteller das größte Plus. Daher schneidet das G4 trotzdem brillanter Bildqualität schlechter ab als sein Vorfahr und kassiert ein enttäuschendes „Ausreichend“.

Enttäuschender Klang

Doch es kommt noch schlimmer: Im Hörtest erzeugte der Musikplayer des LG am Referenz-Kopfhörer, den Ultimate Ears Reference Monitors, einen ungemein flachen Klang. Höhen sind so gut wie gar nicht vorhanden, und die Bässe dröhnen, was meist ein Zeichen dafür ist, dass mangelnder Frequenzgang per Software kaschiert werden soll. Das Ergebnis hört sich an wie durch dicke Watte. Einen dermaßen schlechten Sound hört man heutzutage nur noch selten, umso weniger bei Spitzenmodellen. „Ungenügend“!

Nicht der Top-Prozessor

Ein weiterer Knackpunkt könnte der Prozessor sein, denn anstelle des aktuellen Topmodells aus dem Hause Qualcomm, dem Snapdragon 810, wurde lediglich dessen kleiner Bruder verbaut: der 808 mit sechs statt acht Kernen, die zudem mit gerade mal 1,8 Gigahertz getaktet sind. Und von denen lediglich zwei aufgrund ihrer Prozessor-Architektur (Cortex A57) als Hochleistungskerne bezeichnet werden können, die anderen vier (Cortex A53) stellen eher Energiesparkerne dar. Grund für diese Entscheidung sei laut Hersteller gewesen, dass Qualcomm nicht ausreichende Stückzahlen des Snapdragon 810 habe liefern können. Böse Zungen hingegen mutmaßen, die kolportierten Überhitzungsprobleme des 810-er seien Ursache für die ungewöhnliche Wahl; im Test haben die beiden bisherigen Smartphones mit dem Snapdragon 810, das LG G Flex 2 und HTC One M9, jedoch lediglich starke Wärme und keine ungebührliche Hitze erzeugt. Stattdessen schwächelt der Akku beider Smartphones: Die Laufzeit des Flex 2 liegt 14, die des M9 sogar 19 Prozent unter dem Durchschnitt aller in den letzten zwölf Monaten getesteten Mobiltelefone. Auch der Akkulaufzeittest des hierzulande erstmals verwendeten Snapdragon 808 wird also überaus spannend.

Besser als erwartet

Doch zunächst zu den Leistungswerten. Immerhin wird der Snapdragon 808 von einem neuen Grafikmodul (Adreno 418) sowie von 3 Gigabyte Arbeitsspeicher unterstützt. In der Gesamtwertung von zwölf der bekanntesten Benchmarks mit mehr als 50 erfassten Einzelwerten landet das G4 schließlich 33 Prozent über dem Durchschnitt. G Flex 2 und M9 mit dem Snapdragon 810 brausen 53 respektive 51 Prozent über dem Mittel: Nennenswert schneller sind derzeit lediglich die iPhones sowie das Samsung Galaxy S6 (Edge) mit 91 bis 86 Prozent über dem Schnitt. In der Praxis bedeutet dies, dass Normalnutzer und selbst anspruchsvolle Multitasker sowie Gamer durchaus zum G4 greifen können. Nur wer auch noch das allerletzte Quäntchen Leistung mehr will, sollte eher zu iPhone oder Galaxy S6 (Edge) greifen.

Austauschbarer Akku

Damit zur Akkulaufzeit: Im Test müssen die Probanden ein Video bei einer mäßigen Displaybeleuchtung von 200 Candela pro Quadratmeter im Flugmodus wiedergeben. Hier hielt der 3.000 Milliamperestunden und vom Nutzer mit wenigen Handgriffen auswechselbare Akku 459 Minuten lang durch – 4 Prozent unter dem aktuellen Mittelwert. Vergleicht man das mit den deutlich schlechteren Ergebnissen besagter Snapdragon-810-Modelle Flex 2 und M9, kann die Entscheidung von LG nur begrüßt werden, auf den Snapdragon 808 zu setzen: Der 810-er hätte nur eine marginale Leistungssteigerung bei vermutlich deutlich geringerer Akkulaufzeit gebracht. Schwacher Trost: Auch das Galaxy S6 liegt gerade mal im Durchschnitt; lediglich das S6 Edge konnte sich im Test 12 Prozent über dem Mittelwert platzieren. Im Gegensatz zu den Samsung-Modellen, dem One M9 sowie dem G Flex 2 kann der Nutzer beim G4 aber immerhin den Akku bei Bedarf wechseln, wäre im schlimmsten Fall also mit einem zweiten Stromspeicher binnen Sekunden wieder einsatzbereit.

Quantum Display

Das Display entspricht auf den ersten Blick dem des G3: Sowohl die Maße von 5,5 Zoll oder 139 Millimeter in der Diagonale als auch die Auflösung mit 1440 x 2560 Bildpunkten sind identisch. Damit kommt auch das G4 wieder auf die ultrahohe Dichte von 449 Pixel pro Quadratmillimeter (538 ppi) und erzeugt eines der schärfsten Bilder hierzulande. Lediglich das Samsung Galaxy S6 (Edge) kann mit gleicher Auflösung bei 5,1 Zoll eine leicht höhere Pixeldichte vorweisen, was in der Praxis aber keinen wahrnehmbaren Unterschied ausmacht. Trotzdem handelt es sich um ein gänzlich neues Panel: Die „Quantum Display“ genannte IPS-Technologie soll nämlich mehr Farben, höhere Kontraste und mehr Helligkeit bei geringerem Stromverbrauch liefern. Auch das kann der Test bestätigen: So wurden 504 statt 385 Candela pro Quadratmeter gemessen, was man auch eindeutig sieht – ebenso wie die natürlicheren Farben. Das folgende Video zeigt den direkten Vergleich mit dem G3:

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Die Vorzüge der neuen Technologie sind also mehr als Marketing-Getöse und bringen einen in der Praxis erkennbaren Fortschritt. Auf der anderen Seite sind die Unterschiede geringfügig, das Quantum-Display stellt also keinen Quanten-Sprung dar. Allein wegen des Bildschirms muss somit niemand vom G3 auf das G4 wechseln.

Deutlich teurer

Mit an Bord sind zudem DC-HSPA, Bluetooth 4.1, NFC, Infrarot-Sender zur Nutzung als Fernbedienung für TV & Co. sowie LTE. Letzteres empfängt Daten nun mit 300 Megabit pro Sekunde, ergo nominal doppelt so schnell wie beim G3. Einen Schutz gegen Staub und Wasser kann auch das G4 nicht vorweisen. Ferner fiel beim G4 die Variante mit 16 Gigabyte internem Speicher flach, es kommt allein mit 32 Gigabyte Gedächtnis, das mittels Micro-SD-Karte um bis zu 2 Terabyte erweitert werden kann – momentan beträgt die maximale Kartenkapazität allerdings „nur“ 128 Gigabyte. Im Gegenzug hat LG aber auch kräftig an der Preisschraube gedreht: Für die Basisversion mit Kunststoff-Rücken rufen die Koreaner 649 Euro statt zuvor 549 Euro auf. Das Luxusmodell in Leder schlägt gar mit 699 Euro zu Buche. In der Praxis klafft die Kluft sogar noch weiter auseinander, denn während das G4 jetzt zum Start auf der Straße lediglich zu Preisen um die Herstellerempfehlung herum zu haben ist, sank das ein Jahr alte G3 mittlerweile auf rund 360 (32 Gigabyte: 400) Euro ohne Vertrag. Bei einer Differenz von 280 bis 330 Euro sollte sich jeder Interessent wohl überlegen, ob die genannten Vorteile des G4 diese Mehrinvestition wert sind. Sofern die Lederversion nicht als so verführerisch empfunden wird, dass Geld keine Rolle mehr spielt.

Android 5.1

Die Verarbeitung bleibt ohne Fehl und Tadel. Aufgrund der starken Wölbung des Rückens liegt der Kandidat vorzüglich in der Hand. Darüber hinaus ist das G4 auch in der horizontalen Achse gebogen. Wer allerdings nicht aktiv darauf achtet, dürfte davon wenig mitbekommen. Über Android 5.1 stülpt LG die gewohnte Nutzeroberfläche, die inzwischen in Version 4.0 vorliegt. Diese bringt mittlerweile vermutlich allgemein bekannte Features wie „Knock On“ zum Aufwecken des Telefons aus dem Standby-Modus durch Doppeltipp auf den Touchscreen oder „Knock Code“ zum gleichzeitigen Entsperren des Bildschirms. Praktisch zudem die Möglichkeit, die Navigationsleiste zu editieren und bei Bedarf vollständig auszublenden. Leider ebenfalls vertraut: Das virtuelle Keyboard erzeugt keine Popup-Fenster beim Anklicken eines Buchstabens wie beispielsweise iOS. Die einzige Kontrolle der ausgewählten Taste besteht somit im Blick auf das Eingabefenster, das meist weit von der Tastatur entfernt liegt, weshalb er immer wieder zwischen Eingabefenster und Keyboard wandern muss. Glücklicherweise gibt es ja aber jede Menge alternative Tastaturen im App Store.

Weniger Neuerungen

Ein paar neue Features haben die Entwickler sich trotzdem einfallen lassen. So wie beispielsweise die „Smart settings“, dank der sich für zuhause und unterwegs WLAN, Bluetooth sowie das Tonprofil automatisch ändern lassen. Außerdem startet auf Wunsch bei Einstecken des Kopfhörers oder Aktivierung von Bluetooth eine ausgewählte App. Andere Aktionen lassen sich nicht steuern. Damit erweist sich so ziemlich jede ähnliche App als flexibler. Nicht wirklich neu auch die „Smart Gallery“, die Fotos nach Jahr, Monat oder Tag sortiert. Und der „Smart Calender“ bündelt mehrere Kalender in einer Agenda. Damit kann der Proband keine Bonuspunkte in der Handhabungswertung ernten. Einen signifikanten Gewinn stellt somit lediglich der erwähnte manuelle Modus der Kamera-App dar. Doch weil schon das G3 in der Handhabung ein „Sehr gut“ einfuhr, kann sich auch das G4 mit der Prädikatsnote schmücken.

Fazit

Die Kamera des LG G4 schießt überragende Fotos in jeder Lebenslage. Auch die restliche Ausstattung hat sich moderat zum Positiven entwickelt. Und die Handhabung war schon beim Vorgänger weitgehend komfortabel und intuitiv. Umso bedauerlicher, dass die 4K-Videos mit exzellenter Bildqualität an einem gelegentlich pumpenden Autofokus leiden und mit einem „Ausreichend“ schlechter abschneiden als beim G3. Die überaus enttäuschende Klangqualität des Musikplayers fährt gar ein „Ungenügend“ ein. Völlig unverständlich!

Somit finden Musik- und Videofreunde beispielsweise in den Luxus-Konkurrenten Samsung Galaxy S6 und S6 Edge bessere Smartphones. Beide lassen jedoch einen wechselbaren Akku sowie einen erweiterbaren Speicher vermissen. Außerdem stellt die Echtleder-Rückseite des G4 ein echtes Highlight dar und die Fotos toppen die Samsung-Modelle qualitativ. Der Bildschirm des G4 ist in der Fläche 15 Prozent größer, die Akkulaufzeit fällt lediglich beim S6 Edge nennenswert länger aus.

Keine leichte Entscheidung für Interessenten also. Der Blick auf das Preis-Leistungs-Verhältnis kann eine klare Empfehlung herausarbeiten: Während das LG G4 (43 Prozent) weit unter dem Durchschnitt liegt wie es für neue Topmodelle üblich ist, kann sich das ein Jahr alte G3 immerhin 7 Prozent über dem Mittelwert positionieren.

Ausstattung                 175 von 175

Foto                             19 von 25

Video                           25 von 25

Musik                          9 von 22

Handhabung                196 von 250

gesamt                        445 von 500