Erst vier Prozent der Smartphones sind eSIM-tauglich

16.06.2020

Bildquelle: ©Adobe Stock / Text: Verivox

Heidelberg. Die Tage der SIM-Karte aus Plastik schienen angezählt, als die eSIM auf den Markt kam. Doch vier Jahre danach ist die Bilanz durchwachsen: Erst vier Prozent der Smartphones und nur bestimmte Tarife sind mit einem solchen elektronischen Profil nutzbar. Die Tarifexperten von Verivox erklären, wo es noch hakt und warum die eSIM die Machtverhältnisse im Mobilfunkmarkt verschieben könnte.

Hersteller setzen noch auf Hybridgeräte

Die eSIM-Karte („embedded SIM“) ist ein fest im Gerät verbauter Chip. Dieser lässt sich jederzeit umprogrammieren und ermöglicht Mobilfunkkunden ohne physischen Kartentausch die parallele Nutzung verschiedener Tarife auf einem Gerät.

Derzeit sind in Deutschland gerade einmal 21 eSIM-taugliche Smartphone-Modelle zu haben, das sind 4 Prozent der seit 2017 erschienenen Geräte. Darunter sind vor allem hochpreisige Highend-Geräte wie Apples iPhones und Samsungs Galaxy-Reihe, seltener Mittelklasse-Geräte wie das Google Pixel. Mit einer Ausnahme setzen die Hersteller noch auf Hybridlösungen: Apple, Samsung, Google oder Huawei verbauen die eSIM zwar in ausgewählten Geräten – aber zusätzlich zur herkömmlichen SIM-Karte. Einzig Motorola verzichtete bei der Neuauflage seines Motorola Razr 2019 erstmals komplett auf die Plastikkarte.

Die meisten Tarife sind bereits mit eSIM nutzbar

Bei Vodafone und Telefonica können bislang nur Vertragskunden die eSIM nutzen, das sind 64 bzw. 69 Prozent der Tarife. Prepaidkunden bleiben bei beiden Netzbetreibern außen vor. Die Telekom unterstützt das Format dagegen in allen Tarifmodellen und schaltet das eSIM-Profil direkt digital frei. Auch andere Provider ermöglichen inzwischen den eSIM-Einsatz, darunter 1&1, Congstar, Klarmobil und Blau sowie alle Drillisch-Marken.

Das eSIM-Profil wird heute entweder direkt auf das Endgerät des Kunden geschickt oder über einen QR-Code online aktiviert – zuvor waren die elektronischen Codes jahrelang per Post an die Kunden verschickt worden. Auch heute birgt die Aktivierung eines digitalen Profils noch häufig analoge Tücken. Bei Vodafone und Telefonica bekommen Neukunden beispielsweise zuerst eine herkömmliche Plastik-SIM per Post zugeschickt, um diese später gegen eine eSIM einzutauschen.

Nur ein Bruchteil der Kunden aktiviert ein eSIM-Profil

Bislang ist die eSIM ein Nischenmarkt: Die Deutsche Telekom schaltet nach eigenen Angaben aktuell mehrere 10.000 eSIM-Profile im Monat frei. Vodafone verzeichnete Ende 2019 rund 100.000 aktivierte eSIMs – das waren rund 0,5 Prozent der Vertragskunden. Telefonica und 1&1 Drillisch nannten auf Anfrage keine Zahlen. Von einer steigenden Nachfrage sprechen jedoch alle Netzbetreiber.

Die eSIM bricht mit der Bundle-Tradition

Der Wechsel zur eSIM birgt durchaus Sprengkraft: Denn der deutsche Markt setzt wie kaum ein zweiter in Europa auf eine lange Kundenbindung durch 24-Monatsverträge mit subventionierter Hardware. Außerdem führt die Umstellung auf eSIM-Profile zu hohen Kosten auf Anbieterseite. So benennt beispielsweise die Telekom die eSIM offiziell als Risiko für den Markt im Geschäftsbericht.

„Wenn die Wechselbereitschaft der Kunden steigt, wird sich der Preisdruck auf die Provider erhöhen“, sagt Jens-Uwe Theumer, Vice President Telecommunications bei Verivox. „Der jüngste Netzbetreiber 1&1 Drillisch hat sich im Gegensatz zu den Wettbewerbern bereits mit 1-Monats-Verträgen positioniert. Doch auch Hardware-Hersteller könnten ihre gestiegene Marktmacht nutzen: Würde zum Beispiel Apple selbst als Provider auftreten und eigene Tarife zu seinen iPhones anbieten, bräuchten die Kunden den Apple-Kosmos gar nicht mehr zu verlassen.“

Große Marken haben Vorreiterrolle

Der rasant wachsende Markt für vernetzte Geräte im Internet of Things (IoT) wird die Verbreitung der eSIM weiter vorantreiben – etwa für smarte Uhren ist ein digitaler Chip schon aus Platzgründen unverzichtbar. Für den Schritt zum Massenmarkt fehlt allerdings ein namhafter Vorreiter: „Wenn große Hersteller wie Apple oder Samsung bei ihren Smartphones auf Hybridlösungen verzichten und reine eSIM-Modelle anbieten, wird der Siegeszug der elektronischen SIM nicht mehr aufzuhalten sein“, sagt Theumer.

Methodik

Die Analyse beinhaltet alle von Januar 2017 bis Mai 2020 in Deutschland erschienenen 524 Smartphones. Gezählt wurden nur die Stamm-Modelle, keine unterschiedlichen Varianten (Farbe, Speichergröße etc.). Im Jahr 2016 wurden lediglich Smartwatches und Tablets mit eSIM vorgestellt. Basis sind die Datenbanken von verivox.de sowie testberichte.de. Die aktuell vermarkteten Smartphonetarife für Neukunden der Netzbetreiber Telekom, Vodafone, Telefonica und 1&1 Drillisch sowie ausgewählter Discounter wurden im Juni 2020 auf eSIM-Tauglichkeit geprüft. Basis sind die Angaben auf den Webseiten.