Wie frühere Krisen das Sparverhalten verändert haben

11.06.2020

Bildquelle: ©Adobe Stock / Text: Verivox

Das aktuelle Jahrzehnt begann für deutsche Sparer mit Ausbruch der Corona-Pandemie im Zeichen der Krise. Um die langfristigen Auswirkungen der Corona-Krise auf das Sparverhalten komplett absehen zu können, ist es noch zu früh. Eine aktuelle Analyse von Barkow Consulting zeigt, wie nachhaltig frühere Krisen das Anlageverhalten deutscher Sparer verändert haben.

Vier Krisen in den letzten 20 Jahren

Im Auftrag der ING Deutschland hat die Beratungsgesellschaft das Sparverhalten der letzten 20 Jahre unter die Lupe genommen. Dazu wurden Daten der Deutschen Bundesbank und der Europäischen Zentralbank (EZB) zu Vermögensentwicklung und Sparverhalten ausgewertet. Laut der Analyse fallen in den Untersuchungszeitraum vier handfeste Finanz- beziehungsweise Sparkrisen:

  • das Platzen der Dotcom-Blase (2001 bis 2005)
  • die Finanzkrise (2008/2009)
  • die Eurokrise (2012/2013)
  • die durch historisch niedrige Zinsen geprägte Zinskrise (2014 bis 2019)

Krisen verändern das Anlagehalten

Deutsche Sparer haben ihr Sparverhalten infolge dieser Krisen nahezu vollständig umgestellt. Verglichen mit den Jahren 1999/2000, also der Zeit vor der Dotcom-Krise, investierten Sparer in der Zinskrise dramatisch mehr in Bankeinlagen (+61 Prozentpunkte), signifikant weniger in Versicherungen (-16 Prozentpunkte) und deutlich weniger in Wertpapiere (-30 Prozentpunkte).

Aktienkultur litt empfindlich unter den Krisen

Auch einzelne Krisen haben sich erheblich auf das Anlageverhalten ausgewirkt: Die ohnehin schwach ausgeprägte Aktienkultur in Deutschland erlebte mit dem Platzen der Dotcom-Blase einen empfindlichen Rückschlag. In der Folge haben deutsche Sparer fünf Jahre gebraucht, um wieder mehr in Aktien zu investieren.

Auch während der Eurokrise 2012 und 2013 kam es erneut zu Abflüssen. Erst seit dem Jahr 2014 investieren deutsche Sparer wieder kontinuierlich, wenn auch in geringerem Umfang, in Aktien. 2019 lagen Aktieninvestments mit 14 Milliarden Euro immerhin auf dem höchsten Stand der letzten drei Jahre.

Anleihen spielen für Privatanleger kaum noch eine Rolle

Keine Anlageform hat es während der vergangenen 20 Jahre so hart getroffen wie Anleihen. Während deutsche Sparer vor dem Ausbruch der Finanzkrise bis zu 40 Milliarden Euro im Jahr neu in Anleihen investiert haben, folgte im Jahr 2008 ein abrupter Einbruch. Die Sparer haben seitdem in fast jedem Jahr Geld aus Anleihen abgezogen – teilweise in erheblichem Umfang. Lediglich 2018 kam es zu minimalen Mittelzuflüssen.

Als Ergebnis hat sich der Anleiheanteil am Finanzvermögen der Deutschen in den letzten 20 Jahren auf unter 2 Prozent gedrittelt. Als Geldanlage für private Haushalte spielen Anleihen also inzwischen fast keine Rolle mehr.

Im historischen Zinstief erleben Fonds ein Comeback

Auch Fonds und Sparer waren schon einmal engere Freunde. So investierten deutsche Sparer auf dem Höhepunkt der Dotcom-Blase im Jahr 2000 Rekordmittel von 50 Milliarden Euro in Fonds. Dies entsprach damals 45 Prozent des jährlichen Sparvolumens. In der Dotcom-Krise ging das Investmentvolumen jedoch ab dem Jahr 2002 kontinuierlich zurück. Allein in den Jahren 2006 bis 2008 flossen insgesamt fast 80 Milliarden Euro aus Fonds ab.

Erst seit der Zinskrise im Jahr 2014 investieren deutsche Sparer wieder vermehrt in Fonds. Auch wenn der entsprechende Sparanteil noch deutlich geringer als zu Beginn des Jahrtausends ist, haben sich die Investments im entsprechenden Zeitraum bereits auf über 170 Milliarden Euro summiert.

In der Krise horten Deutsche Bargeld

Auf der anderen Seite hat in der Zinskrise aber auch die Bargeldhaltung in Deutschland einen regelrechten Boom erlebt. Seit Ende 2013 haben sich die Bargeldbestände der Sparer auf 253 Milliarden Euro mehr als verdoppelt. Die Zinsentwicklung der letzten Jahre habe dazu geführt, dass die Deutschen einen Teil ihres Geldes unter das Kopfkissen gelegt haben, sagt ING-Experte Thomas Dwornitzak.

In der Corona-Krise scheine sich dieser Trend noch einmal zu beschleunigen. „Verglichen mit der Entwicklung in den Vormonaten lässt sich bereits im März 2020 ein Corona-Sondereffekt für die Euro-Zone von circa 30 Milliarden Euro ermitteln“, so Dwornitzak. Davon entfielen etwa 6 Milliarden Euro auf die deutschen Privathaushalte.

Sinnvollere Alternativen zum Bargeldsparen

Bargeldsparen sei aus Renditesicht aber nicht sinnvoll. „Durch die Inflation hatten die Deutschen damit in den letzten Jahren einen Wertverlust von durchschnittlich ein bis zwei Prozent“, sagt Dwornitzak. „Eine sinnvollere Lösung für den langfristigen und diversifizierten Vermögensaufbau könnte beispielsweise ein ETF- oder Fondssparplan sein.“

Viele Anleger scheinen diesen Rat schon zu beherzigen. „Gerade in der Corona-Krise haben wir Rekordabschlüsse gesehen und das günstige Kursniveau hat dazu geführt, dass im ersten Quartal 2020 schon mehr Aktien von unseren Kunden gekauft wurden, als im gesamten Jahr 2019“, berichtet Dwornitzak.