Wie Mannesmann und Arcor zu Vodafone wurden

Ratgeber / Mobilfunk

Bild: Drei fröhliche junge Frauen mit Smartphones Bild: ©nensuria/iStock/thinkstock.de / Text: Verivox

1989 ist das Jahr des Mauerfalls, aber es ist auch das Jahr, in dem die erste private Mobilfunklizenz in Deutschland vergeben wird. Neun Jahre vor der grundlegenden Liberalisierung des Telekommunikationsmarktes ermöglicht der damalige Bundespostminister in einem Teilbereich erstmals eine Konkurrenz zur Deutschen Bundespost. Damals war nur schwer vorstellbar, dass der Lizenznehmer Mannesmann Mobilfunk, Ableger eines Düsseldorfer Stahlkonzerns, nur elf Jahre später ein gewichtiger Teil des britischen Telefon-Giganten Vodafone sein wird. 

Die analogen Vorläufer

Zwar gibt es schon seit den 50er-Jahren des vorigen Jahrhunderts öffentliche Mobilfunknetze in Deutschland, wenn auch nicht flächendeckend. Diese wurden beispielweise von Autotelefon-Besitzern genutzt. Die letzte analoge Mobilfunk-Generation stellt Ende 2000 ihren Betrieb ein. Betreiber der Netze sind zunächst die Deutsche Bundespost, später die aus ihr hervorgegangene Deutsche Telekom. Parallel zu Mannesmann Mobilfunk baut auch die Telekom ein eigenes digitales Funknetz auf. Damit erhält erstmals die breite Bevölkerung Zugang zur mobilen Kommunikation.

Probebetrieb und SMS-Einführung     

1990 wird das erste Testgespräch im Mannesmann-Mobilfunknetz geführt, ein Jahr später startet der Probebetrieb in 15 deutschen Ballungsgebieten. 1992 können Endkunden das Netz in weiten Teilen des Bundesgebiets nutzen. Aus heutiger Sicht kaum zu glauben: Zum Start sind nicht einmal SMS möglich.    

   

Zunächst dürfen nur Geschäftskunden im mobilen Netz telefonieren; der erste Privatkundentarif wird von Mannesmann im Jahr 1995 aufgelegt. Ein Jahr später startet auf Initiative von Mannesmann Mobilfunk der Kurznachrichtendienst SMS – ein  einfacher Textdienst, von dem sich anfänglich kaum jemand in der Branche großen Erfolg verspricht. Eine Fehleinschätzung: Das „Abfallprodukt“ SMS war über fast zwei Jahrzehnte eine sichere und lukrative, weil extrem kostengünstige Einnahmequelle für alle Mobilfunkunternehmen. Erst seit 2013 geht die Zahl der versendeten SMS in Deutschland zurück.

Auf dem Weg zum Massenmarkt

Die erste Lizenzvergabe an einen privaten Anbieter lässt den Markt innerhalb weniger Jahre regelrecht explodieren. Ende 1993 telefoniert bereits eine halbe Million Menschen über das Mannesmann-Mobilfunknetz. Noch im gleichen Jahr wird dem Anbieter E-Plus ebenfalls eine Mobilfunklizenz erteilt, etwas später zieht der O2-Vorläufer Viag Interkom nach. Die 1992 von vielen Experten als gewagt bezeichnete Prognose, zur Jahrtausendwende könnten netzübergreifend 10 Millionen Handykarten verkauft werden, greift bedeutend zu kurz: Bis Ende 2000 waren in Deutschland sagenhafte 48 Millionen Handykarten über die Ladentheken gegangen – das bedeutet, im Schnitt besaß schon vor 15 Jahren mehr als jeder zweite Bundesbürger ein eigenes Handy.

Schon 1999 wird das Internet mobil

Fünf Jahre nach dem Marktstart sind 1997 erstmals Prepaid-Handykarten erhältlich. Diese Öffnung des Marktes auch für kostenbewusste Kunden war der entscheidende Schritt, den Mobilfunk als festen Bestandteil des Alltags zu etablieren – obwohl die Minutenpreise der Guthabenkarten noch über viele Jahre vergleichsweise hoch bleiben sollten. Zwei Jahre später beginnen erste Tests für den Standard der dritten Mobilfunkgeneration, UMTS. 1999 kommen außerdem die ersten Handys auf den Markt, die eine zumindest rudimentäre mobile Internetnutzung ermöglichen. Auf monochromen Bildschirmen werden Inhalte aus dem Internet in sehr reduzierter Form wiedergegeben, vergleichbar mit den Anfängen des Videotextes am Fernseher. Das Nokia 7110 (rechts) ist das erste so genannte WAP-Handy.

Übernahme, Prozess und Image-Desaster

Zur Jahrtausendwende ist aus einem Markt für early birds ein Massenmarkt geworden, und entsprechend interessant wird Mannesmann Mobilfunk für Investoren: Im Jahr 2000 kauft die britische Vodafone-Gruppe im Rahmen einer feindlichen Übernahme den D2-Netzbetreiber. Die im Zuge der Übernahme gezahlten Prämien sorgen für viel Wirbel und münden in einem der aufsehenerregendsten Wirtschaftsstrafverfahren der deutschen Nachkriegsgeschichte. Seinen Freispruch im zweiten Prozess 2006 kommentiert der damalige Mannesmann-Aufsichtsratsvorsitzende Josef Ackermann mit dem berühmt gewordenen Victory-Zeichen – ein nachhaltiges Image-Desaster für den Schweizer, der übrigens in diesem Moment nur eine Geste von Michael Jackson imitiert haben soll.

Unsummen für UMTS-Lizenzen

Im ersten Jahr des neuen Jahrtausends werden außerdem für horrende 50 Milliarden Euro die Lizenzen zum Betrieb von UMTS-Netzen in Deutschland versteigert. Diese neuen Netze sollen schnellere Datenverbindungen ermöglichen und damit der mobilen Internetnutzung zum Durchbruch verhelfen. Auch Vodafone kauft eine Lizenz. Die immens hohen Kosten sind mitverantwortlich dafür, dass hiesige Verbraucher über viele Jahre sehr hohe Preise für Mobilfunk und mobiles Internet zahlen müssen – in allen Netzen. Im Jahr 2000 hat zwar jeder zweite Deutsche ein Handy, aber genutzt wird es außerhalb geschäftlicher Kontakte meist wenig. Handygespräche gelten bei Minutenpreisen von bis zu einem Euro als Luxus; die Nutzung der mobilen Geräte ist von der Selbstverständlichkeit heutiger Tage weit entfernt.

Auf dem Weg zum Komplettanbieter

In den Jahren 2004 und 2005 wird das UMTS-Netz Zug um Zug ausgebaut, und für die Platzhirsche Telekom und Vodafone tritt eine ganz neue Konkurrenz auf den Plan: die vor allem in den Konkurrenznetzen beheimateten Mobilfunk-Discounter. Tchibo, Simyo, Aldi und Co. sorgen dafür, dass der Preis für die Mobilfunk-Minute innerhalb von zehn Jahren um über 70 Prozent sinkt. Doch gesättigt ist der Markt noch nicht, und der Kundenzustrom ins D2-Netz geht weiter: Im Jahr 2006 wird die Grenze von 30 Millionen Kunden überschritten. Zwei Jahre später kauft Vodafone den Festnetz-Anbieter Arcor und hat damit erstmals nicht nur Mobilfunk-, sondern auch Festnetzkunden.

2013 übernimmt Vodafone die Mehrheit an Deutschlands größtem Kabelnetzbetreiber Kabel Deutschland und bietet seitdem als einziger deutscher Netzbetreiber Fernsehen über drei Kanäle an – kabelgebunden, via Mobilfunk und über die Internetleitung. Im gleichen Jahr verschwindet das D2-Kürzel aus dem Firmennamen, 13 Jahre nach der Übernahme durch den britischen Mobilfunkkonzern: Seitdem nennen sich die Düsseldorfer nur noch Vodafone GmbH.

Der deutsche Vodafone-Ableger ist die größte Landesgesellschaft des britischen Konzerns, der in 26 Ländern eigene Mobilfunknetze betreibt. Die Konkurrenz ist seit den Pionierjahren stets gewachsen: Vodafone misst sich heute nicht nur mit der Dauerrivalin Deutsche Telekom, sondern auch mit O2 Telefónica. Nach der Fusion von O2 und E-Plus gibt es in Deutschland nur noch drei Netzbetreiber – und Vodafone ist der kleinste davon.

Bildnachweis: © nensuria/Thinkstock/iStock

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