Erstmals wieder höhere Preise im Mobilfunk

24.03.2017 | 09:16

Heidelberg. Zum ersten Mal seit Jahren steigen die Preise im Mobilfunk. Das ab Juni kostenlose EU-Roaming entpuppt sich als Kostentreiber im Inland: Die Mehrkosten für viele Tarife mit Roaming liegen bei knapp 60 Euro im Jahr, zeigen die Auswertungen der Tarifexperten von Verivox.

Dafür könnten Urlauber in der EU nach den derzeit gültigen Preisen 260 Minuten telefonieren oder 25.000 Whatsapp-Nachrichten verschicken.

Das Ziel der EU-Regulierung war es eigentlich, die Schwelle zur Datennutzung im Urlaub abzubauen. Das Ergebnis ist vielmehr eine Quersubventionierung der kostenfreien Auslandsnutzung durch alle Nutzer – über tendenziell steigende Basispreise im Inland.

Ab Juni gebührenfrei – doch Verbraucher zahlen weiter

Die Netzbetreiber Telekom und Telefónica hatten bereits 2016 ihre Tarife angepasst: EU-Roaming wurde zur Inklusivleistung, dafür mussten Verbraucher tiefer in die Tasche greifen. Die Mehrkosten liegen seither bei jeweils 5 Euro im Monat, also 60 Euro jährlich. „Ab Juni 2017 werden die Roaming-Gebühren in der EU komplett abgeschafft. Dann zahlen Verbraucher hier für eine Leistung, die eigentlich für sie kostenfrei ist“, sagt Christian Schiele, Chief Product Officer Telecommunications bei Verivox.

Die Deutsche Telekom begründet die gestiegenen Preise auf Anfrage mit einem erhöhten Datenvolumen in den Tarifen und Zusatzleistungen wie Hotspot-Flats. Telefónica kommentierte die Verivox-Anfrage nicht. Der dritte deutsche Netzbetreiber Vodafone plant laut eigener Aussage weiterhin keine Preisanpassungen.

Für die Netzbetreiber bleibt das Roaming ihrer Kunden mit Kosten verbunden: Trotz Regulierung zahlen Mobilfunkanbieter für die Netznutzung im Ausland auch künftig Gebühren, dürfen diese jedoch nicht mehr an ihre Kunden weitergeben. Eine Verlagerung dieses Kostenfaktors ins Inland war seit Jahren erwartet worden. Die Folge: Risikozuschläge für eine exzessive oder missbräuchliche ausschließliche Auslandsnutzung werden in die Inlands-Grundgebühren eingepreist.

Neue Preismodelle mit rein nationaler Nutzung 

Zudem sind seit kurzem komplett neue Tarifmodelle auf dem Markt – mit und ohne Roaming. So hat etwa der Discounter Drillisch für seine Tochter DeutschlandSIM ein Tarifmodell entwickelt, das die Auslandsnutzung ausschließt. Der gleiche Tarif mit Roaming-Nutzung kostet 35-50 Prozent mehr. Der Provider Callmobile verfährt ähnlich und bietet ebenfalls günstigere Tarife ohne Roaming und Tarife mit Aufschlägen fürs Ausland. Die deutliche Preisschere zwischen Tarifen mit und ohne Roaming sieht Christian Schiele als Beleg für die veränderte Kalkulationsgrundlage der Provider, die unter Risikogesichtspunkten die Kosten umlegen müssten. „Das durch die EU-Regulierung verfolgte Ziel, die effektiven Gebühren für Verbraucher zu senken, wird so nicht erreicht“, sagt Schiele. „Geringverdiener und Nichtreisende zahlen unter dem Strich sogar drauf und bezahlen für Vielreisende mit.“

Verbraucher, die keine Auslandsnutzung benötigen, sollten deshalb verstärkt darauf achten, welche Pauschalen inkludiert sind und was sie wirklich benötigen. Ein Ausweichen auf einen Tarif ohne Roaming oder eine Prepaidkarte kann im Zweifelsfall sinnvoller sein als nicht benötigte Roaming-Pauschalen das ganze Jahr mitzuzahlen.

Warum Verbraucher kaum von der Regulierung profitieren

Die EU-Regulierung war dazu gedacht, Verbraucher vor hohen Mobilfunkkosten im Ausland zu schützen. „Allerdings verkehrt sich diese gute Absicht ins Gegenteil, wenn dafür die Preise im Inland für alle steigen oder Anbieter durch Roaming-Sperren unnötige Kostenpunkte für Wenigreisende technisch ausschließen müssen“, sagt Schiele. Wer nur selten (etwa einmal im Jahr als Tourist) ins Ausland reist, profitiert kaum von der Regulierung und benötigt einen günstigen Inlandstarif viel dringender als bessere Konditionen im Ausland.