Gewinner und Verlierer des EZB-Kurses

FRANKFURT/M - Nullzins, Geldflut, Strafzinsen für Banken - die Europäische Zentralbank (EZB) stemmt sich mit allen Mitteln gegen Konjunkturschwäche und Mini-Inflation im Euroraum. Ein Ende des Anti-Krisen-Kurses ist nicht in Sicht - im Gegenteil: Volkswirte rechnen damit, dass die Notenbank bei ihrer Dezember-Sitzung noch einmal nachlegen und ihr milliardenschweres Programm zum Kauf von Staats- und Unternehmensanleihen erneut verlängern wird. Wer profitiert von dem billigen Geld, wer leidet darunter?

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Bild: Zinsen Bild: ©M&S Fotodesign/fotolia.com / Text: dpa

Gewinner

Aktionäre: Seit Jahren ist das extrem billige Geld der Notenbanken wichtigster Schmierstoff der Börsen. Der deutsche Leitindex Dax etwa legte - allerdings nach vorherigem Absturz in der Finanzkrise - seit November 2011 um über 70 Prozent zu. Damals übernahm Mario Draghi die Führung der EZB - und seine überraschende Zinssenkung zum Amtsantritt sollte nicht der letzte Paukenschlag des Italieners bleiben. Die Zinsen sind inzwischen praktisch abgeschafft, mit Anleihenkäufen in großem Stil verknappt die EZB zudem auf diesem Feld das Angebot.

Bundesfinanzminister: Der deutsche Fiskus kann sich billiger Geld leihen als früher. Mitte Juni rutschte die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen sogar erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik in den negativen Bereich. Der Bund konnte somit langfristig Schulden aufnehmen und kassiert dafür Geld, anstatt Zinsen zu zahlen.

Konsum: Vielen Verbrauchern sitzt das Geld locker, denn Sparen wird kaum noch belohnt. Das freut Einzelhändler und hilft der Konjunktur.

Kreditnehmer: Zwar geben Banken den rekordniedrigen Leitzins von null Prozent nicht 1:1 an Kunden weiter. Dennoch war es selten so günstig, die eigenen vier Wände oder eine neue Fabrikhalle zu finanzieren. Nach Berechnungen der unabhängigen FMH-Finanzberatung sank der Effektivzins für Baugeld mit zehnjähriger Laufzeit von knapp fünf Prozent im November des Krisenjahres 2008 auf bis zu gut einem Prozent im November 2016.

Krisenstaaten: Die EZB kauft Zeit für angeschlagene Staaten wie Griechenland und Italien, um Reformen umzusetzen. Kritiker wie Bundesbank-Präsident Jens Weidmann warnen jedoch vor einer Überforderung der Geldpolitik: "Es sind nicht die Zentralbanken, die die Wirtschaft zu stärkerem Wachstum führen können. Den Schlüssel dafür halten Politiker in der Hand."

Verlierer

Banken: Die Institute tun sich schwer mit dem Geldverdienen. Wichtigste Ertragsquelle der Banken und Sparkassen in Deutschland ist traditionell der Zinsüberschuss - die Differenz zwischen dem, was die Institute zum Beispiel für Kredite kassieren und ihren Kunden etwa als Sparzinsen zahlen. Nach Branchenangaben stammen im Schnitt rund 70 Prozent der Erträge aus dieser Quelle. Wegen des Zinstiefs brechen die Erträge weg. «Die EZB-Politik hilft Banken nicht», kritisierte Deutsche-Bank-Chef John Cryan. An den Anleihenmärkten erschwere die EZB als großer Käufer zudem die Geschäfte.

Bankkunden: Viele Institute drehen an der Gebührenschraube. Einige wenige Banken geben inzwischen auch die Strafzinsen für Geld, das sie bei der EZB parken, an Privatkunden weiter. Bankenverbände sind aber überzeugt, dass sich das nicht auf breiter Front durchsetzen wird.

Investoren: Das billige Geld treibt die Preise etwa für Immobilien in die Höhe. Was auf den ersten Blick lukrativ erscheint, könnte sich als Trugschluss erweisen. "Wir sollten aufpassen, dass wir nicht in eine neue Blase hineinkommen", warnte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) angesichts der gewaltigen Geldflut der Zentralbanken.

Lebensversicherungskunden: Die Assekuranzen können die hohen Zinsversprechen von bis zu 4 Prozent aus früheren Zeiten kaum noch erwirtschaften. Die Verzinsung des beliebten Altersvorsorgeklassikers sinkt seit geraumer Zeit. Der vom Bundesfinanzministerium festgelegte Garantiezins liegt mittlerweile nur noch bei 1,25 Prozent, im kommenden Jahr verringert er sich für Neuverträge auf 0,9 Prozent.

Sparer: Sparbuch und Tagesgeld werfen kaum noch etwas ab. Kritiker sprechen von einer "Enteignung" der Sparer.

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