Erdölkonzerne wollen bereits stillgelegte Vorkommen neu erschließen

dpa | 19.04.2010
Bild: Ölfass mit ansteigendem Diagramm
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Amsterdam - Erdölkonzerne geben heute Milliarden aus, um einst stillgelegte Vorkommen neu zu erschließen sowie aktive Förderstätten viel intensiver und umfassender auszubeuten, als das früher möglich erschien. Sie sagen damit dem "Peak Oil" den Kampf an. Möglichst weit soll der gefürchtete Scheitelpunkt hinausgezögert werden, an dem die globale Ölförderung ihr Maximum erreicht und dann nur noch schrumpft. Ein Vorzeigeprojekt dieser neuen Erdöl-Ära der intensiven Resteverwertung entsteht in den Niederlanden, wenige Meter vor der Grenze zum deutschen Emsland.


"Früher nannten die Leute die Gegend hier "Hollands Dallas"", erzählt Michael Lander. Mit einem Arm zieht der Shell-Projektleiter einen Halbkreis über Weideland um das Agrarstädtchen Schoonebeek. Kühe grasen zwischen Baustellen, auf denen schlanke graue Bohrtürme errichtet werden. "Bald gibt es hier einen neuen Ölboom, denn wir heben Schätze, die damals nicht geborgen werden konnten."

Ein halbes Jahrhundert hatte hier ein Heer von langsam wippenden "nickenden Pferdeköpfen", wie man sie aus alten Texas-Filmen kennt, Öl gepumpt. 1996 kam das Aus für das Joint Venture der niederländisch-britischen Royal Dutch Shell und des US-Konzerns ExxonMobil. Da war erst ein Viertel der eine Milliarde Barrel des "schwarzen Goldes" von Schoonebeek gefördert (1 Barrel = 159 Liter).

Der Rohölpreis war, auch als Folge der Asienkrise, unter 20 Dollar pro Barrel gesunken. Die Förderung des dickflüssigen und in Gesteinshöhlen verborgenen Schoonebeek-Öls wurde zum Verlust. Doch nicht allein die Preissteigerungen der letzten Jahre waren ausschlaggebend für den Neuanfang. "Wir haben heute ganz andere Technologien", sagt Lander. "Wir rücken dem dicken schwarzen Sirup nun mit Heißluft zu Leibe. Die wird mit Hochdruck in den Boden gejagt und löst das Öl aus den Gesteinsritzen." Zudem ermöglichen Horizontalbohrungen, weit mehr Ölschichten zu erreichen.

Ab Ende 2010 soll Schoonebeek wieder Öl liefern. Diesmal nicht per Eisenbahn nach Rotterdam, sondern per Pipeline zur nahen Raffinerie von British Petroleum (BP) im niedersächsischen Lingen. Zusammen mit dem geringeren Aufkommen des Emlichheim-Felds, das die BASF-Tochter Wintershall auf der deutschen Seite betreibt, wird das "Hollandöl" die Raffinerie lange auslasten: Bis 2030 wollen Shell und ExxonMobil in Schoonebeek noch 120 Millionen Barrel aus der Erde holen.

"Das wird den Weltmarkt nicht überschwemmen", sagt schmunzelnd der Ölexperte Val Brock. "Doch Schoonebeek zeigt beispielhaft, dass wir von "Peak Oil" noch weit entfernt sind." Der Texaner leitet bei Shell den Geschäftsbereich "Enhanced Oil Recovery" (EOR). Der Begriff steht für moderne Techniken, die eine höhere Ölausbeute ermöglichen. "EOR wird überall in der Branche vorangetrieben", sagt Brock. "Die Heißluftmethode ist nur eine von vielen neuen Chancen."

Nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) in Paris werden derzeit erst vier Prozent der Weltölproduktion mit EOR-Technologie gewonnen (also rund drei Millionen Barrel pro Tag). Bis 2030 werden es 20 Prozent sein, schätzt die Agentur. Damit könnten dann 300 Milliarden Barrel zusätzlich aus bekannten Vorkommen gewonnen werden.

Die Branche ist optimistisch: "Es wird genügend Öl für mindestens 100 Jahre geben", sagte 2009 der Vizepräsident für Strategie des italienischen Energiekonzerns Eni, Leonardo Maugeri, in einer Studie voraus. Das US-Magazin "Business Week" ließ sich unter Hinweis auf das Schoonebeek-Vorbild gar zu der Schlagzeile "Endless Oil" (Öl ohne Ende) hinreißen. Dennoch stimmen Experten darin überein, dass die Welt ihren Energiebedarf nicht ewig durch Öl und Erdgas decken kann.

Abgesehen von der Endlichkeit dieser Ressourcen - wie fern oder nah auch immer - wird die Entwicklung des Ölpreises mit über die Zukunft des High-Tech-Resteverwertens entscheiden. Shell macht keine Angaben über die Investitionssumme in Schoonebeek. Aber EOR-Experte Brock lässt durchblicken, dass sich die Sache lohnt, solange der Weltmarktpreis nicht unter 40 Dollar pro Barrel sinkt. Gegenwärtig liegt er bei rund 86 Dollar.



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