Interview: Endlager Gorleben aus Expertensicht nur zweite Wahl

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Bild: Behälter für Atommüll ©tiero/fotolia.com

Celle/Gorleben - Nach Angaben des Geologen Gerd Lüttig ist der Salzstock Gorleben in den 1970er Jahren vorrangig aus politischen Gründen zur Untersuchung als mögliches Endlager für Atommüll ausgewählt worden. Unter fachlichen Aspekten sei Gorleben nur zweite Wahl gewesen, sagte Lüttig am Freitag der Nachrichtenagentur ddp. Der emeritierte Professor war damals maßgeblich an der Suche eines Endlager-Standortes beteiligt.


ddp: Herr Lüttig, Sie waren in den 1970er Jahren am Suchverfahren für das Nukleare Entsorgungszentrum beteiligt. Wie kam es dazu?

Lüttig: Ich wurde von meiner Amtsleitung dafür abgestellt. Es war anzunehmen, dass beide Ämter später noch einmal als amtliche Gutachter gefragt werden würden. Deswegen wurden ein Kollege und ich quasi als inoffizielle, private Gutachter benannt.

ddp: Wann begann das Suchverfahren?

Lüttig: Das war 1972. In dem Jahr wurden wir beauftragt, da haben wir auch die ersten Untersuchungen gemacht. Wir haben etwa 100 Salzstöcke untersucht. Diese Salzstöcke lagen alle in Norddeutschland. Später wurde das noch einmal eingeengt auf acht Salzstöcke. Da war auch Gorleben noch dabei. Und drei kamen in die endgültige Wahl. Der Salzstock Lichtenhorst/Ahlden bei Nienburg, Lutterloh/Fassberg bei Celle und Waten/Börger im Emsland, Gorleben nicht mehr. Die drei genannten waren damals im Gegensatz zu Gorleben schon angebohrt, allerdings noch nicht hinreichend untersucht.

ddp: Warum wurde denn Gorleben an Ihrer Empfehlung vorbei benannt?

Lüttig: Das war nicht an meiner Empfehlung vorbei. Ich hatte Kategorien eingeführt. In der ersten Kategorie, da waren die drei. In der zweiten Kategorie waren die acht Salzstöcke. Gorleben erschien uns als nur bedingt geeignet. Es wurde genannt, weil es ein relativ großer Salzstock ist. Und wir brauchten auf alle Fälle Raum, also einen Steinsalzkörper genügender Größe.

ddp: Man musste also aus geologischer Sicht nicht wegen Gorleben die Hände überm Kopf zusammenschlagen?

Lüttig: Nein.

ddp: Wie hat der damalige Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) denn begründet, dass er 1977 keinen von den drei Salzstöcken und mit Gorleben nur einen aus der zweiten Kategorie auswählte?

Lüttig: Er wollte einen Standort in der Nähe der damaligen Zonengrenze haben, weil die Ostzonalen, wie er immer sagte, uns die Geschichte mit ihrem Endlager Morsleben eingebrockt hatten. Wir wussten durch Gespräche, die wir über einen Ausschuss mit ostzonalen Kollegen führen konnten, dass Morsleben Defekte hatte. Dass der Schacht technisch nicht in Ordnung war, dass es Wasserzuflüsse gab. Wir befürchteten immer, und das hat Herrn Albrecht auf die Palme gebracht, dass Morsleben eines Tages absaufen würde und radioaktive Wässer in Richtung Helmstedt (in Niedersachsen) fließen und uns da die ganze Landschaft verderben könnten.

ddp: Albrecht hat also wirklich gesagt, wenn die DDR das so dicht an der Grenze macht...

Lüttig: ...dann machen wir das auch.

ddp: Es wurde gemutmaßt, auch die dünne Besiedlung des Landkreises Lüchow-Dannenberg könnte eine Rolle gespielt haben.

Lüttig: Albrecht hat in weiteren Gesprächen Argumente hergeholt. Er hat gesagt, der Landkreis sei ja dünn besiedelt, und er sei vom Landkreis angesprochen worden, man solle doch da etwas machen, und es käme doch dem Landkreis zugute. Das hat Albrecht dann nach und nach immer stärker in den Vordergrund gestellt.

ddp: Und damit war Ihr Arbeitsauftrag erledigt?

Lüttig: Ja, das war damit erledigt. Ich wurde danach nie wieder einbezogen, zumal sich die Beratungen und Begutachtungen dann auf die offizielle Ebene verschoben. Ich ging dann 1980 nach Erlangen an die Universität.

ddp: War die Arbeitsgruppe, die den Salzstock suchte, identisch mit der Weizsäcker-Kommission?

Lüttig: Nein, das war ein ganz anderes Gremium. Das hatte Albrecht einberufen, um die Landesregierung in Endlagerungs- und Energiefragen zu beraten. Carl-Friedrich von Weizsäcker hatte den Vorsitz, insgesamt waren wir sechs oder sieben Mitglieder.

ddp: Hat diese Kommission denn auch eine Empfehlung für einen Endlagerstandort abgegeben?

Lüttig: Nein, dazu kam es nicht mehr, weil die Ereignisse sich überschlugen. Albrecht war mit seiner Auswahl des Standortes Gorleben vorgeprescht, und andere hatten keine Gelegenheit mehr, sich zu äußern. Die Kommission ist dann sang- und klanglos eingegangen.

ddp: Gorleben wurde dann bis zum Beginn des Moratoriums vor neun Jahren erkundet. Einige Wissenschaftler sagen, der Salzstock scheine geeignet. Andere haben Zweifel und verweisen auf ein nicht vollständig vorhandenes Deckgebirge. Was sagen Sie?

Lüttig: Das Deckgebirge ist fraglich in Bezug auf seine geotechnischen Eigenschaften. Aber ich halte Gorleben, so wie es sich bislang darstellt, durchaus für geeignet, wenn man in dem Steinsalzblock drin bleibt.

ddp: Die Endlagerung in Salz halten Sie grundsätzlich für eine gute Möglichkeit?

Lüttig: Es ist für mich die beste Alternative. Ich war auch Berater der schwedischen Regierung und habe dort die Einlagerung in Granit geprüft und wurde auch bei Schacht Konrad wegen der Eignung von Ton gefragt. Salz erscheint mir als sicherer.



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