Hintergrund: AKW Temelin nach fünf Jahren Laufzeit weiter umstritten

07.10.2005 | 11:47

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Prag (dpa) - Heftige Proteste bayerischer und österreichischer Bürgerinitiativen nutzten am Ende nichts: Vor fünf Jahren, am 9. Oktober 2000, nahm das tschechische Atomkraftwerk Temelin mit Genehmigung der Prager Behörden den Betrieb auf. Doch der Widerstand gegen die grenznahe Anlage ist nicht verstummt. Schliesslich musste das AKW seit der damaligen ersten Kernspaltung Dutzende Male wegen technischer Probleme ungeplant heruntergefahren werden. Erst vor wenigen Tagen forderten Temelin-Gegner erneut ein Abschalten der Anlage. Doch die tschechische Regierung verweist darauf, dass es zu Atomkraftwerken keine einheitliche EU-Richtlinie gibt.

Zehn Kilometer weit sind die Kühltürme zu sehen, die bei Temelin in den Himmel ragen. Die vier Schlote und ihre benachbarten Gebäude beeinflussen nicht nur das Landschaftsbild Südböhmens, sondern prägen auch seit 20 Jahren die tschechische Innen- und Aussenpolitik. 1983 hatte das kommunistische Regime im 120 Kilometer entfernten Prag den Bau des Atomkraftwerks beschlossen und damit den Protest der Nachbarn hervorgerufen: Temelin steht etwa 230 Kilometer nordöstlich von München und rund 100 Kilometer nördlich von Linz (Oberösterreich).

Kritisiert wird besonders die wohl einzigartige Nachrüstung eines sowjetischen Reaktortyps mit US-Technik, die Zweifel an der Sicherheit weckt. Aber weder innenpolitische Diskussionen nach der Wende in der Tschechoslowakei 1989, noch aussenpolitischer Druck stoppten den 3,3 Milliarden Euro teuren Bau. Die einzige bedeutende Änderung erlebte der "Energie-Dinosaurier" 1993, als das für einen steigenden Strombedarf der CSSR geplante Atomkraftwerk von vier auf zwei Blöcke reduziert wurde. Einen völligen Baustopp lehnte der damalige Regierungschef Vaclav Klaus jedoch strikt ab.

Der heutige Staatspräsident durfte die Mehrheit der Bevölkerung auf seiner Seite wissen: In Umfragen sprechen sich regelmässig mehr als die Hälfte der Tschechen für Temelin aus. Viele Befürworter erwarten von dem "summenden Riesen", so die Bezeichnung einer Zeitung, günstige Strompreise und den Erhalt der Arbeitsplätze. Letzteres gilt aber keinesfalls für den nordböhmischen Braunkohle-Tagebau - hier müssen zahlreiche Kumpel den Grubenhelm für immer an den Nagel hängen, weil sich Tschechien von dieser Art der Energiegewinnung langsam verabschieden will.

Vor wenigen Tagen schickte Österreich, das selbst keine Atomkraftwerke betreibt, in Umsetzung eines bilateralen Abkommens von 2001 einen Expertenbericht über Temelin nach Prag. Obwohl darin von "Fortschritten in der Sicherheitskultur" gesprochen wird, "bleiben einige Fragen offen". Man gehe daher davon aus, dass "ein weiterer Austausch notwendig" sei, unterstreicht Wien.

Doch die tschechischen Behörden hegen ganz andere Gedanken - sie erwägen einen Ausbau der Kernenergie, und eine Variante ist die Erweiterung von Temelin. "Schliesslich ist das AKW einst für vier Blöcke geplant worden", bestätigte ein Ministeriumssprecher. Mit grossflächigen Protesten in Tschechien wäre kaum zu rechnen: Der einzige innenpolitische Gegner des Ausbaus, die tschechische Partei der Grünen, dümpelt um die Drei-Prozent-Marke und ist damit parlamentarisch bedeutungslos.