Deutschland surft hinterher: Großer Rückstand beim Netzausbau

18.08.2015 | 09:09

Heidelberg - Beim schnellen Internet ist Deutschland schlecht aufgestellt: Nur für 2,7 Prozent der Haushalte sind Glasfaseranschlüsse verfügbar.* Der Ausbau der zukunftsfähigen Infrastruktur läuft schleppend, im internationalen Vergleich ist die Bundesrepublik weit abgeschlagen. Das unabhängige Verbraucherportal Verivox zeigt auf, welches Potenzial beim Netzausbau bislang kaum genutzt wird.

Deutschland international deutlich zurück

Mit seinem niedrigen Glasfaser-Anteil rangiert Deutschland auf Platz 29 von 33 untersuchten Staaten (OECD-Studie von Juni 2014). Die europäischen Nachbarn erreichen Glasfaseranteile von bis zu 40 Prozent, die internationalen Spitzenreiter Japan und Südkorea liegen sogar bei rund 70 Prozent.

„Ein flächendeckender Ausbau von Glasfaser ist für ein zukunftsfähiges Netz dringend erforderlich“, sagt Sven Ehrmann, Telekommunikationsexperte und Mitglied der Geschäftsleitung bei Verivox. „Nur die Glasfaser-Technik kann das wachsende Datenvolumen schnell und in guter Qualität verarbeiten.“

Großer Rückstand im Osten Deutschlands

In Deutschland sind Nutzer in Bayern am besten versorgt, dort können nach Angaben der Bundesregierung 9,2 Prozent der Haushalte einen Glasfaseranschluss bekommen. Abgehängt sind Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern mit Werten unter einem Prozent. Laut deutschem Breitbandatlas kann in Ostdeutschland nicht einmal jeder zweite Haushalt einen Breitbandanschluss mit mindestens 50 Mbit/s nutzen – unabhängig von der verwendeten Technik.

Weil schnelle Anschlüsse oft noch fehlen, surft Deutschland mit durchschnittlich 10,2 Megabit pro Sekunde vergleichsweise langsam –  nur etwa halb so schnell wie zum Beispiel Irland (Akamai, State of the Internet Report, 1. Quartal 2015).

Verivox fordert häufigere Verlegung von Leerrohren

Um den Ausbau von Glasfaserleitungen zu beschleunigen, fordert Verivox einen verstärkten Einbau von Leerrohren – immer dann, wenn ohnehin Straßenarbeiten notwendig sind. „So könnten etwa bei Leitungsreparaturen für geringe Mehrkosten vorsorglich Leerrohre  gelegt werden, die später zum Ausbau der Glasfaser zur Verfügung stehen“, sagt Ehrmann. Eine entsprechende Vorschrift gibt es bisher nicht, wird aber in der Branche diskutiert.

Bisher treiben nur wenige Versorger den Netzausbau auf diese Weise voran, etwa die Thüga Energie GmbH. Auch in Böblingen und Sindelfingen werden schon seit Jahren Leerrohre gelegt, sobald Straßenarbeiten nötig sind. So konnten inzwischen beide Städte mit schnellen Anschlüssen versorgt werden – ein gewichtiges Argument nicht zuletzt für die Ansiedlung von Gewerbebetrieben.

Das Versprechen: 50 Mbit/s für alle Haushalte

Mit der Digitalen Agenda wurde ein anspruchsvolles Ziel formuliert: Bis 2018 sollen überall in Deutschland Anschlüsse mit mindestens 50 Mbit/s verfügbar sein. Doch bislang konzentrieren sich die Anbieter beim Netzausbau zumeist auf dicht besiedelte Regionen, in denen sie mehr Kunden gewinnen können. „Das Ziel der Digitalen Agenda wird mit stationären Anschlüssen wie Glasfaser oder auch VDSL nicht zu bewältigen sein“, sagt Ehrmann. „Doch mit der LTE-Technik steht insbesondere in ländlichen Regionen eine Alternative zur Verfügung, die ebenfalls hohe Geschwindigkeiten ermöglicht.“

*Quelle: Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Fraktion Die Linke am 30.06.2015. Es handelt sich um einen Durchschnittswert.

https://pound.netzpolitik.org/wp-upload/18-05191-Behrens-LINKE.pdf