Von wegen Blackout: Deutschland verschenkt Strom

Berlin/Bonn - Wenn jetzt auch noch die acht Atomkraftwerke laufen würden, die nach der Katastrophe von Fukushima stillgelegt worden sind, hätte Deutschland ein Problem: Der Ausbau von Wind- und Solarenergie macht das Land zum Exportmeister beim Strom. Im vergangenen Jahr wurden so viele Strom ins Ausland transportiert, wie noch nie - rund 23 Milliarden Kilowattstunden. Dies hat der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) am Donnerstag in Berlin mitgeteilt. Das entspricht der Jahresproduktion von über zwei Kernkraftwerken. Mehrfach wurde sogar Strom in das Ausland verschenkt oder die Abnahme zusätzlich mit einem Bonus schmackhaft gemacht, damit das Netz nicht kollabierte.

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Bild: Steckerleiste mit Geldscheinen Bild: ©Tobias Kaltenbach/fotolia.com / Text: dpa

Es ist paradox: Industrie und konventionelle Energiewirtschaft hatten wiederholt vor Blackouts wegen der Energiewende gewarnt. Aber bis auf wenige, kritische Ausnahmen war bisher - gerade beim derzeit recht warmen Winterwetter - zu viel statt zu wenig Strom im Netz. Das fördert das Phänomen negativer Strompreise. Am 1. Weihnachtsfeiertag wurden am um 4 Uhr für die Stromabnahme 220 Euro pro Megawattstunde gezahlt, damit der zu viel produzierte Strom abgenommen wurde. Bis zu 9200 Megawatt wurden in das Ausland transportiert. Gerade die Kraftwerksbetreiber litten unter der falsch eingeschätzten Lage.

Negative Strompreise: Viel Angebot, wenig Nachfrage

Im Jahresverlauf 2012 registrierte die europäische Strombörse EPEX Spot an 15 Tagen solche negativen Strompreise. "Dabei trifft eine hohe Produktion, meist aus Winderzeugung, auf eine sehr niedrige Nachfrage", sagte Jonathan Fasel von der EPEX. Das war Weihnachten der Fall. EPEX mit Sitz in Paris betreibt die Stromspotmärkte in Deutschland, Frankreich, Österreich und der Schweiz. Der deutsche Markt sei aber in der Lage gewesen, die großen Mengen des Stroms aus Wind und Sonne aufzunehmen, beteuert Fasel.

Dennoch war die Situation an Weihnachten außergewöhnlich: Der Verbrauch lag am ersten Feiertag bei 35 000 bis 47 000 Megawatt in der Spitze. Das ist etwa die Hälfte der Menge, die an sehr kalten Wintertagen verbraucht wird. Rainer Baake, Direktor der Berliner Denkfabrik Agora Energiewende, betont mit Blick auf Weihnachten: "Der konventionelle Kraftwerkspark hätte seine Leistung anpassen müssen. Da dies nicht geschehen ist, kam es zu negativen Strompreisen."

Gaskraftwerke werden benötigt, sind aber nicht lukrativ

Kraftwerksbetreiber mussten daher sogar Geld bezahlen, um ihren Strom loszuwerden. "Die Abnehmer, insbesondere auch in den Niederlanden, haben sich gefreut", betont Baake. Ein Problem ist, dass gerade Kohle- und Atomkraftwerke nur bedingt rasch rauf und runtergefahren werden können. Daher werden als Ergänzung zu immer mehr Wind- und Solarstrom hochflexible Gaskraftwerke gebraucht. Doch gerade diese lohnen sich derzeit kaum: Wegen eines Verfalls bei den CO2-Verschmutzungsrechten werden sie neben Ökostrom auch von einem steigenden Kohlestromanteil zunehmend aus dem Markt gedrängt.

"Negative Preise sind ein Steuerungsinstrument", umschreibt Sabine Jeschke von der RWE-Handelstochter Supply & Trading die Lage - denn der produzierte Strom muss ja verbraucht werden. Allerdings sei RWE in seinem Handelsgeschäft von den Strompreisen an der Börse nicht direkt betroffen. Mehr als 90 Prozent der Kontrakte würden ein bis zwei Jahre im Voraus abgeschlossen. Aber wenn RWE seinen Kraftwerkspark drosseln muss, weil viel Windstrom in die Netze drückt, drohen Verluste. Trotzdem kann es für die Konzerne billiger sein, ihre Anlagen am Netz zu lassen. Und das übt in solchen Situationen einen zusätzlichen Preisdruck auf die Strompreise aus.

Sinkenden Einkaufspreise für Strom kommen bei Verbraucher nicht an

Vor zwei Jahren hatte die Bundesnetzagentur durch das Festlegen von Untergrenzen dafür gesorgt, dass die Strompreise an der Börse für kurzfristige Handelsaktivitäten nicht ins Bodenlose stürzen. Es wurde ein Korridor von minus 150 bis 350 Euro je Megawattstunde festgelegt. Hierdurch sollte das Verlustrisiko überschaubar gehalten werden.

Ein Verlierer an Weihnachten war der Verbraucher, durch die Aufblähung der Ökostrom-Umlage - bei ihm kommen die sinkenden Einkaufspreise für Strom oft kaum an. Denn die auf den Strompreis aufgeschlagene Abgabe berechnet sich aus der Differenz zwischen dem erzielten Marktpreis und der festen Einspeisevergütung. Baake schätzt, dass die Umlage durch die Negativpreise an Weihnachten mit 28 Millionen Euro mehr belastet wurde. Aber auch für die Erzeuger war Weihnachten nicht unbedingt ein Fest der Freude. Baake: "Die deutsche Kraftwerkswirtschaft hat in diesen Tagen viel Geld verbrannt."

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