Nord Stream 2 darf weiter gebaut werden - aber neue Regeln gelten

Brüssel/Berlin - Monatelang lag die EU-Gasrichtlinie auf Eis. Nachdem sich Deutschland und Frankreich geeinigt haben, ist jetzt aber auch das Europaparlament mit an Bord.

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Bild: Ferngasleitung Bild: ©sss78/fotolia.com / Text: dpa

Das seit Jahren umstrittene Pipelineprojekt Nord Stream 2 muss sich auf neue EU-Vorschriften einstellen, kann aber voraussichtlich weiter gebaut und betrieben werden. Dies ist Ergebnis eines Kompromisses, den Vertreter der EU-Länder, des Europaparlaments und der EU-Kommission in der Nacht zum Mittwoch erzielten. Die Bundesregierung kann sich als Erfolg anrechnen, den Stopp des Milliardenprojekts verhindert zu haben. Dessen Gegner sehen sich jedoch einen Schritt weiter: Erstmals bekommt die EU einen Hebel gegen Nord Stream 2 in die Hand.

Die Betreibergesellschaft Nord Stream hielt sich mit einer Bewertung zurück. "Wir spekulieren (...) nicht über mögliche Auswirkungen von Bestimmungen, die erst noch von den europäischen Gesetzgebern formell angenommen werden müssen", erklärte das Unternehmen auf Anfrage. Die Zustimmung der EU-Länder und des Europaparlaments ist nach solchen Kompromissen allerdings in der Regel Formsache.

Projekt liegt im Zeitplan

Die Leitung des russischen Staatskonzerns Gazprom durch die Ostsee von Russland nach Deutschland entzweit seit Jahren nicht nur Europa. Auch US-Präsident Donald Trump zieht alle Register und droht mit Sanktionen gegen Beteiligte an dem Milliardenprojekt. Trotzdem wurde seit vorigen Sommer bereits rund ein Drittel der 1200 Kilometer langen Pipeline gebaut. Zu Jahresende soll sie fertig sein. Das Projekt liege im Zeitplan, versicherte der Betreiber.

Die Leitung soll künftig jährlich bis zu 55 Milliarden Kubikmeter Erdgas aus Russland nach Deutschland transportieren - noch einmal so viel wie die seit Jahren betriebene Schwesterpipeline Nord Stream. Kritiker monieren, Europa mache sich noch abhängiger von russischem Erdgas. Die Ukraine fürchtet zudem, als Transitland ausgebremst zu werden und milliardenschwere Durchleitungsgebühren einzubüßen.

EU-Regeln für Pipelines aus Nicht-EU-Ländern

Weil auch Polen und die baltischen Staaten das Vorhaben vehement ablehnen, versucht die EU-Kommission seit Jahren, Nord Stream 2 zu reglementieren. Die Bundesregierung blockierte das mit Mitstreitern im Rat der EU-Länder, bis sie vorige Woche nach Druck aus Paris beidrehen musste.

Die EU-Kommission ist nun nach eigener Darstellung am Ziel: Erstmals gelten künftig EU-Energieregeln auch für Pipelines, die aus anderen Staaten in die EU führen. Demnach darf zum Beispiel die Produktion von Erdgas und der Betrieb der Pipeline nicht in einer Hand liegen - anders als bei Gazprom. Ein Betreiber muss Konkurrenten die Nutzung der Leitung gegen Gebühr erlauben. Die Regeln sollen den Wettbewerb ankurbeln und Monopolpreise vermeiden. "Das ist ein großer Fortschritt hin zu einem integrierten Gas-Binnenmarkt", kommentierte EU-Kommissar Miguel Arias Cañete die in der Nacht zum Mittwoch erzielte Einigung.

Ausnahmen bleiben möglich

Im Umkehrschluss können solche Auflagen Profite schmälern und Betreibern das Leben so schwer machen, dass Projekte wie Nord Stream 2 theoretisch unrentabel werden könnten. Das hat die Bundesregierung wohl erfolgreich verhindert: Der Kompromiss der EU-Unterhändler sieht Ausnahmen und Sonderregeln vor, die die Folgen abmildern dürften.

Wie sich diese genau auswirken, trauten sich auch Beteiligte am Mittwoch noch nicht zu bewerten. Die Einigung sei sehr frisch, sagte ein Sprecher der EU-Kommission. Man müsse zunächst die fertigen Texte prüfen, sagte die SPD-Europaabgeordnete Martina Werner der Deutschen Presse-Agentur.

Vereinbart ist nach Angaben aus dem Europaparlament, dass die neuen Regeln nur auf EU-Territorium gelten beziehungsweise in EU-Gewässern - nicht schon am Ausgangspunkt der Pipeline, also Russland. Der Mitgliedsstaat Deutschland darf im Falle von Nord Stream 2 mit Russland beraten, "bevor er darüber entscheidet, ob eine Ausnahme von den EU-Vorschriften notwendig ist", wie es in einer Mitteilung des Europaparlaments heißt. Doch steht dort auch: "Die abschließende Entscheidung über die Ausnahme liegt jedoch bei der EU-Kommission."

„Die ganze Härte ist vermieden worden“

Die an den Verhandlungen beteiligte Grünen-Expertin Rebecca Harms erläuterte, letztlich müsste ein Streit zwischen Brüssel und Berlin vor dem Europäischen Gerichtshof entschieden werden. Solange würden Ausnahmen von den EU-Regeln nicht gelten.

Es handelt sich also wohl um den klassischen Kompromiss - einerseits, andererseits. Die Befürworter von Nord Stream 2 begrüßten am Mittwoch, dass das Projekt weitergehen kann. "Die ganze Härte ist vermieden worden", sagte die Sozialdemokratin Werner. Der Grünen-Politiker Reinhard Bütikofer sah indes einen Dämpfer für das Vorhaben: "Berlin konnte sich mit seinem energiepolitischen Alleingang nicht durchsetzen und Nord Stream 2 am europäischen Energierecht vorbei durchboxen."

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