Zwei virtuelle Kraftwerke gehen Ende 2005 in Rheinland-Pfalz ans Netz
Bingen (dpa) - Das Mini-Kraftwerk im Keller hat nur etwa die Grösse einer Tiefkühltruhe. Trotzdem kann es - vernetzt mit anderen dieser Energiequellen - hunderte Haushalte mit Strom versorgen. Zusätzlich liefert es am Standort Wärme. Das Mini-Kraftwerk ist Teil eines "virtuellen Kraftwerkes", das die Transferstelle für rationelle und regenerative Energienutzung (TSB) der Fachhochschule Bingen entwickelt hat. Zwei dieser Kraftwerksverbunde sollen Ende 2005 in Rheinland-Pfalz ans Netz gehen. Sie haben laut TSB einen besonders hohen Energienutzungsgrad bei der Erzeugung von Wärme und Strom.
Der Clou beim virtuellen Kraftwerk: Es entsteht nahezu kein Energieverlust durch Abwärme. Der Strom wird hier nicht zentral in einem Grosskraftwerk erzeugt. "Wir haben viele kleine, kompakte Kraftwerke, die über einen Server beim Energieversorger miteinander verbunden sind", erläutert Ralf Simon, Professor für Verfahrenstechnik in Bingen und Leiter der TSB. Die einzelnen Aggregate können in jedem Privathaushalt im Keller stehen.
Während Grosskraftwerke die Wärme oft ungenutzt über ihre Kühltürme abgeben, kann das kompakte Mini-Kraftwerk an seinem Standort die Heizungsanlage ersetzen. Die "dezentralen Energiestationen", so der Fachbegriff, sorgen dafür, dass es gemütlich warm ist und liefern heisses Wasser. "Damit erreicht das System Energienutzungsgrade von 80 bis 90 Prozent", erläutert Simon.
Zwei Energieversorger in Rheinland- Pfalz hat das Konzept überzeugt. Mit ihnen hat die TSB eine Absichtserklärung unterzeichnet, Ende des Jahres zwei solche Kraftwerke in Betrieb zu nehmen. "Nach zwei bis drei Jahren sollen deutlich mehr als 100 Haushalte angeschlossen sein", plant Simon weiter in die Zukunft.
Ein grosser Schritt auf dem Weg zur Marktreife war eine neue Lösung zur Verbindung zwischen Energiestation und Computer. Andere Forscherteams seien an genau diesem Punkt gescheitert. Die Binger haben das Problem gelöst, indem sie Handy-Technologie einsetzten. Ihre Kommunikationsanlage soll nur 200 bis 300 Euro kosten.
Jedes der Mini-Kraftwerke könne drei bis vier Haushalte mit Strom versorgen. Laut Simon sind dabei zwei Finanzierungsmodelle einsetzbar: Entweder schafft ein Hausbesitzer sich eine solche Anlage an und nutzt sie, um sich selbst seinen Strom und seine Wärme zu erzeugen. Der restliche Strom wird ins öffentliche Netz eingespeist und vom Energieversorger bezahlt. Die andere Möglichkeit wäre, dass ein Energieversorger die Station dem Nutzer zur Verfügung stellt. Der Hausbesitzer müsste dann für die Wärme bezahlen, spart aber die beträchtlichen Investitionskosten für eine Heizung.
Mit dem Rechenzentrum lassen sich aus Forschersicht ganz verschiedene Anlagen verbinden: Brennstoffzellen, die mit Wasserstoff arbeiten, Stirlingmotoren, die von Erdgas, Biogas, Klär- oder Deponiegas angetrieben werden oder herkömmliche Verbrennungsmotoren. Der Computer steuert die einzelnen Stationen je nach Zustand des Stromnetzes, der Wetterlage und den Kapazitäten der angeschlossenen Stromquellen. "Der Hausbesitzer, in dessen Keller die Anlage steht, merkt davon gar nichts", sagt Simon.
Das virtuelle Kraftwerk arbeite auch im Sommer wärmeorientiert, weil die Leistung auf die einzelnen Stationen verteilt wird, betont der Wissenschaftler. "Ein gewisses Mass an Wärme wird auch im Sommer gebraucht. Wer will schon jeden Morgen kalt duschen?" Grosskraftwerke mit Fernwärmenetz hätten zwar ähnlich hohe Energienutzungsgrade. Diese Netze seien allerdings nur in einem kleinen Umkreis nutzbar und können derart viel Wärme ausschliesslich im Winter verwerten.
Eine Alternative stellen die virtuellen Kraftwerke aber nur in ländlichen Regionen dar. "In Grossstädten sind Grosskraftwerke mit Fernwärmenetz sinnvoller", gibt Simon zu. Vorerst können virtuelle Kraftwerke die grossen Anlagen allenfalls ergänzen.
Weitere Nachrichten vom 28.04.2005
- Grösstes Solarfeld der Welt in Arnstein bis Jahresende in Betrieb
- Bayern: Volksbegehren zu Mobilfunk zugelassen - Abstimmung im Juli
- Lycos Europe steigert Umsatz und senkt Verlust deutlich
- Studie: 25 Millionen Online-Shopper in Deutschland
- Scharfe Kritik von T-Online-Aktionären an Eingliederung in Telekom
- Weltpremiere: Das Handy ist in Hanau künftig Fahrkartenautomat
- Gaspreise: Bundeskartellamt erreicht weitere Zugeständnisse
- web.de und 1&1 vernetzen Internet-Telefonie
- Studie: Sicherheit der Energieversorgung wird in Deutschland sinken
- EnBW: EDF macht Front gegen Vorstandschef Claassen

