Wettlauf um die letzten Energiereserven - Steinmeier am Polarkreis
140 Kilometer vor Hammerfest liegen die Bohrlöcher, aus denen demnächst Gas an Land gepumpt wird. Auf dem Grund der Barentsee besorgen ferngesteuerte Roboter in 300 Meter Tiefe den Abtransport aus dem "Snövit"-Gasfeld - zu deutsch: Schneewittchen.
Vor allem wegen der Umweltrisiken hatte Norwegen lange gezögert, die Förderung im hohen Norden in Angriff zu nehmen. Zum Umdenken führte letztlich die Furcht, schon bald ohne Reichtümer auskommen zu müssen, weil Öl und Gas in der Nordsee zu Neige gehen. Jenseits des Polarkreises vermutet man hauptsächlich Gas, aber auch Öl.
Jetzt sind die Norweger überzeugt: Technisch sei man inzwischen so weit, dass man das Abenteuer wagen könne. Nicht zuletzt in Folge der Klima-Erwärmung werde es immer leichter, auch in solche Regionen vorzustoßen, in denen bislang Bohrungen unmöglich waren. Bei Ölpreisen von mehr als 60 Dollar pro Fass rentieren sich auch Förderkosten, die etwa doppelt so hoch sind wie am Persischen Golf.
Am vergangenen Freitag präsentierte die Links-Regierung in Oslo ihr ehrgeiziges Gesamtkonzept für die Ausbeutung im hohen Norden. Wenn die Deutschen wollten, sei für sie ein interessantes Stück dabei, gab Außenminister Jonas Gahr Store seinem deutschen Kollegen in Hammerfest mit auf den Heimweg. Und RWE-Dea-Chef Georg Schöning konnte schon die Konzession für drei Probebohrungen mitnehmen.
In Oslo ist man überzeugt: In wenigen Jahren entsteht auf dem Festlandsockel zwischen Hammerfest und dem russischen Eismeer-Hafen Murmansk "Europa größte Baustelle". Nach US-Schätzungen liegen in den arktischen Gewässern ein Viertel der weltweit noch unerschlossenen Energievorkommen. Der Verteilungskampf um diese wohl letzten Reserven ist längst im Gange. Im Planungsstab des Osloer Außenministeriums spricht man von einem "atlantischen Wettrennen" um die Schätze der Barentsee, bei dem derzeit die Amerikaner die besten Karten hätten.
Zweistellige Milliardensummen wollen US-Konzerne in die Erschließung des Shtokman-Feldes im russischen Teil der Barentsee investieren. In zwei Wochen will Russlands Präsident Wladimir Putin entscheiden, welche Firmen dort den Zuschlag erhalten. Mit 3,5 Billionen Kubikmetern Gas könnte das weltweit wohl größte Vorkommen ein halbes Jahrhundert den Bedarf der USA oder Europas decken.
Die Europäer müssten aufpassen, den neuen Energiezug im hohen Norden nicht zu verpassen, warnt man in Oslo. Statoil-Chef Helge Lund ist sich sicher, die Barentsee habe ideale Voraussetzungen, "ab 2020 die wichtigste Energieregion Europas zu werden". Dazu müsse die Region als Einheit zwischen Norwegern und Russen zusammenwachsen.
Nach den Vorstellungen Oslos sollen die Deutschen als dritter Partner hinzukommen. Außenminister Store skizzierte Steinmeier bereits ein strategisches Energie-Dreieck Oslo-Moskau-Berlin. Deutschland könne nicht nur bei Knowhow und Hightech eine führende Rolle spielen. Für die Partnerschaft sei auch wichtig, dass niemand die Russen so gut kenne wie die Deutschen.
Steinmeier nahm die kühnen Offerten mit Zurückhaltung auf. Bei den mitgereisten Energiebossen gab es erfreute Gesichter - und zugleich wurden Sorgen laut: Die neue Distanz zu Putin, die nach dem Abgang von Gerhard Schröder im Kanzleramt verordnet wurde, könnte sich
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