Twitterwall im Hörsaal: Fluch oder Segen?

dpa | 14.02.2012
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Trier - Ob in der Schule oder an der Uni: Viele Lehrer und Dozenten verbieten Laptops und Smartphones in ihrem Unterricht. In Trier hingegen werden die Studenten dazu ermutigt, ihrem Professor per Twitter oder SMS Feedback zu geben oder Fragen zu stellen.


Simsen, Twittern oder Mails verschicken sind in der Regel im Unterricht tabu. Nicht aber beim Medienwissenschaftler Hans-Jürgen Bucher an der Uni Trier: In seinen Vorlesungen ist das sogar erwünscht. Voraussetzung: Es geht ums Thema. Im Hörsaal liegen Handys, Smartphones und Laptops auf den Tischen bereit. Und neben dem Pult des Professors steht eine "Twitterwall" - eine Leinwand, auf die die kurzen Mitteilungen der Studierenden projiziert werden. "Mit den digitalen Medien können sich die Studenten direkt in die Vorlesung einbringen", sagt Bucher. Und sie können in der 90-minütigen Monolog-Vorstellung auch mal "Zwischenrufe" abgeben oder Dialoge führen.

Auch schüchterne Studenten twittern

Die Kurz-Beiträge, die in der Erstsemester-Vorlesung gut lesbar auf der Twitterwall aufploppen, sind alle anonymisiert. Mal erscheint eine Frage, mal ein Tipp zur Lektüre, mal ein Kommentar. Professor Bucher schaut immer wieder auf die Leinwand, während er über die Grundlagen der Medienwissenschaften referiert. Dann hält er inne und beantwortet Zwischenfragen, die ihn sonst wohl nicht erreicht hätten. "Es ist eine gute Möglichkeit für schüchterne Studenten, sich zu Wort zu melden. Sie würden sich sonst nie trauen, sich zu melden", sagt Sarah Fais aus Bendorf in Rheinland-Pfalz, eine von rund 60 Studierenden im Hörsaal.

Die Twitterwall haben die Medienwissenschaftler an der Uni Trier selbst entwickelt und gebaut. "Sie ist einzigartig, weil sie drei digitale Zugänge miteinander verbindet", sagt der wissenschaftliche Mitarbeiter Philipp Niemann. So können die Studenten ihre Mitteilungen über Twitter, als SMS oder auch über die Homepage des Studienfachs schicken. "In den meisten Fällen wird noch gesimst", sagt Niemann.

Das Ende des Monologs

Seiner Ansicht nach würde eine Twitterwall auch in anderen Fachbereichen Sinn machen. "Es wird heute überall nach Möglichkeiten gesucht, die klassische monologische Form der Vorlesung aufzubrechen. Dies ist eine Form", sagt er. Im Vortrag seien so auch kritische Fragen möglich, und der technische Aufwand sei eher gering. Man brauche nur eine Leinwand und einen Beamer. "Wenn es einmal installiert ist, läuft es", sagt Niemann.

"Mit einer solchen Twitterwall in der Vorlesung bin ich wohl derzeit in Deutschland der Einzige", sagt Professor Bucher. Er hat schon vor vielen Jahren das klassische E-Learning im Unterricht eingeführt, lässt seine Studenten in Blogs mitschreiben und nimmt seine Vorlesung auf, damit die Studenten sie später im Internet abrufen können. Insgesamt studieren an der Uni Trier rund 450 junge Leute das Fach Medienwissenschaft.

Ablenkung und unpersönlich

Mit dem Einsatz der digitalen Medien sei aber auch ein gewisses Risiko verbunden, sagt der 58-jährige Professor. "Man gibt ein Stück Macht auf, da man einen ganzen anderen Kommunikationskanal eröffnet." Und hat somit keinen Einfluss darauf, was alles so gepostet wird. "Es gab auch schon persönliche Verabredungen und Liebeserklärungen auf der Twitterwall", erzählt er. Allerdings musste die Wall erst ein oder zweimal abgeschaltet werden.

So finden sich dann auf der Leinwand auch mal Ausdrücke wie "Lustiglustig trallalala" oder "Kopfgülle". Und Student Lucas Holtgrave (23) aus dem hessischen Marburg meint, auch wenn das Twittern und Simsen "cool" sei: "Es macht den Uni-Alltag doch noch unpersönlicher. Wenn ich eine Frage habe, dann melde ich mich lieber und bekomme direkt eine Antwort."



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