Streit um Softwarepatente tritt in die heisse Phase
"Wir haben gar nichts gegen die Patentierbarkeit solcher Erfindungen", sagt Philipp Mützel von dem gemeinnützigen Verband EMICITA (European Media, Communication and Information Technology Association). Die aktuelle Fassung der Richtlinie gehe jedoch weit darüber hinaus und würde künftig auch Patente auf reine Software zulassen. Dadurch befürchten vor allem kleine und mittelständische Unternehmen nicht kalkulierbare Rechtsunsicherheiten. Kein Programmierer könnte dann mehr davor sicher sein, bei seiner Arbeit möglicherweise ein auch noch so triviales Patent zu verletzen, so die Befürchtungen.
"Wir haben allein im vergangenen Jahr mindestens 70 000 Euro für Patentanwälte ausgegeben", sagte Ralf Lethmate von dem Münsteraner Unternehmen Soft Imaging Systems. Hinzu komme die Unsicherheit, ständig gegen Patente zu verstossen, deren Existenz noch gar nicht bekannt ist. Auch der Internet-Buchladen buch.de befürchtet erhebliche Nachteile im Wettbewerb. Die geplante Richtlinie gefährde die freie Marktwirtschaft und die Innovationsfähigkeit der Industrie, schrieb der Vorstandsvorsitzender Albert Hirsch in einem offenen Brief an Bundeskanzler Gerhard Schröder.
Bislang wird Software in Europa durch das Urheberrecht geschützt. Das Urheberrecht schützt aber nur den konkreten Programmiercode, nicht aber die Idee oder das Verfahren an sich. In Europa ist es also möglich, dieselbe Idee auf eine andere Weise umzusetzen, ohne gegen das Urheberrecht zu verstossen. Auch nach der "Erfindung" der Textverarbeitung Word von Microsoft dürfen zum Beispiel andere Softwarehersteller entsprechende Programme zur Textverarbeitung am Computer entwickeln, ohne Lizenzgebühren zu zahlen.
Die Verfechter der aktuellen Fassung der Richtlinie erhoffen sich dagegen einen besseren Schutz ihrer technischen Erfindungen im internationalen Wettbewerb. Da in Ländern wie den USA oder in Asien weiter gefasste Patentrechte existieren, befürchten sie die Gefahr eines potenziellen Ausverkaufs der europäischen Innovationskraft. Gerade im Wettbewerb zwischen den USA und Europa seien Schutzrechte von elementarer Bedeutung, so Michael Ziesemer, Vorstandsmitglied des Mess- und Automatisierungstechnik-Herstellers Endress + Hauser. "Wir brauchen die Patentierbarkeit computerimplementierter Erfindungen, um unsere hohen Entwicklungskosten in Innovationen zu schützen - auch gegenüber der asiatischen Konkurrenz."
Dabei soll es in Europa auch nach Auffassung der Befürworter keine Verhältnisse nach amerikanischem Vorbild geben. "Niemand will amerikanische Verhältnisse im Patentrecht", sagte Christoph Mohn, Chef des Internetportal-Betreibers Lycos Europe. Dort zum Beispiel sind Erfindungen wie der virtuelle Warenkorb beim Einkaufen im Internet, das Herunterladen von MP3-Musikstücken oder das Kaufen von Waren mit einem Mausklick bereits patentiert. Inzwischen gibt es eine ganze Reihe von amerikanischen Unternehmen wie etwa die Softwarefirma SCO, die lediglich eine starke Anwaltskanzlei unterhalten. Das Geschäftsmodell besteht bei ihnen aus dem Eintreiben von Lizenz- Gebühren für von ihnen patentierte oder vermeintlich patentierte Programm-Codes.
Weitere Nachrichten vom 05.07.2005
- Gewerkschaft: Eklat bei Aufsichtsratssitzung von E.ON Ruhrgas
- EU-Kommission verklagt fünf Staaten wegen Energiemarkt-Abschottung
- SPD-Zusagen für Kohle, erneuerbare Energien und Gebäudesanierung
- Umstrittene EU-Richtlinie zu Software-Patenten vor dem Aus
- Sasser-Prozess: Experten uneins über Strafe als Abschreckung
- Volksbegehren gegen Mobilfunkmasten in Bayern gestartet
- Kauder: Ökosteuer entfällt langfristig - Westerwelle will Zeitplan
- Preise für Telekommunikation Juni leicht gesunken
- Höhere Gaspreise bei E.ON Hanse - Verbraucherschützer fordern Boykott
- E.DIS erhöht Gaspreise
- Regenerative Energiewirtschaft wieder optimistischer
- IT-Branche fordert Innovationsminister - 370.000 neue Jobs möglich
- Schutz vor Angriffen aus dem Internet: Wettlauf mit der Zeit
- Hacker knackt Mailsystem der Ruhr-Universität
- Sasser-Entwickler legt Geständnis ab
- Milbradt warnt vor hohen Energiepreisen und wirbt für Atomstrom
- Mittelständler machen gegen Softwarepatente mobil
- Ministerium: Handy-Betrieb in Flugzeugen nur mit Minibasisstation

