Panikmache oder Optimismus? - Ölmarkt sucht nach dem Gleichgewicht
In der Branche setzt sich zunehmend die Überzeugung durch, dass in erster Linie zu geringe Investitionen in den vergangenen 20 Jahren für das gegenwärtige hohe Ölpreisniveau verantwortlich sind. "Die Phase niedriger Energiepreise hat zu einem Rückgang bei Forschung, Innovationen und Investitionen geführt", sagte E.ON-Vorstand Johannes Teyssen im November bei der Welt-Energiekonferenz in Rom. Vor nicht einmal zehn Jahren kostete ein Barrel Rohöl kaum mehr als zehn Dollar und es lohnte nicht, neue Ölfelder zu erschließen. Vor allem staatliche Ölgesellschaften innerhalb und außerhalb des OPEC-Kartells drosselten ihre Investitionen in Bohrtürme, Pipelines und Raffinerien und arbeiten deshalb heute mit teilweise veralteter Ausrüstung. "Wir brauchen neue und bessere Technologie", fordert jetzt Teyssen.
Zur Investitionsmüdigkeit gesellte sich eine unerwartet starke Nachfrage aus China und anderen asiatischen Ländern nebst einer lebhaften Spekulation an den Finanzmärkten, die vorhandene Trends nochmals verstärkte. "Nur mit fundamentalen Faktoren sind die starken Schwankungen des Ölmarktes nicht zu erklären", sagt HWWI-Forscher Klaus Matthies. Denn der Markt ist nach wie vor ausgeglichen: Es gibt keine Versorgungsengpässe; wer Öl kaufen will, bekommt es. Dennoch schwankt der Ölpreis innerhalb eines Jahres um 40 Dollar und mehr. "Das zeigt die Unsicherheit an den Märkten", sagt Matthies. Schon kleine Meldungen lösen große Unruhe aus, so dass kurzfristige Vorhersagen über den Ölpreis kaum möglich sind.
Langfristig aber, so meinen gewichtige Expertenstimmen, könnte es durchaus auch wieder abwärtsgehen mit dem Ölpreis. "Die hohen Ölpreise sind eine schmerzhafte aber notwendige Kur für den Ölmarkt", sagt zum Beispiel der Chefvolkswirt des italienischen Öl- und Gaskonzerns ENI, Leonardo Maugeri. Er befürchtet sogar, dass die Ölkonzerne in eine Falle laufen könnten: Bleibt der Ölpreis dauerhaft hoch, so würde sich die Nachfrage zurückbilden - die Verbraucher würden auf andere Energieträger ausweichen und mehr sparen. Und just in jenem Moment käme viel frisches Öl auf den Markt, weil die Investitionen der Branche Früchte tragen. Dann könnte der Ölpreis ins Bodenlose stürzen. Denn investiert wird gerade kräftig; Fachleute, Material und Ausrüstung für die Erschließung neuer Ölfelder sind kaum zu bekommen oder sündhaft teuer.
Aber vielleicht bekommen ja auch die Skeptiker recht, für die der Ölpreis nur eine Richtung kennt: Nach oben. Ihre Bannerträgerin in Deutschland ist die Professorin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Sie wird in der Ölbranche eher belächelt als respektiert und hat als erste einen Preis von 200 Dollar für ein Barrel Öl in den nächsten zehn Jahren ins Spiel gebracht. In einigen Medien wurde daraus schon ein Benzinpreis von vier Euro pro Liter. Doch das müssen die deutschen Autofahrer nicht fürchten. Rein rechnerisch würde eine Verdopplung des Ölpreises den Benzinpreis irgendwo zwischen 2,00 und 2,50 Euro pro Liter pendeln lassen, je nach Dollarkurs.
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