Immer mehr Biogasanlagen in Deutschland - Anwohnern "stinkt" es
Auch der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) lehnt die Anlagen auf Güllebasis ab. Diese verlangten nach Gülle aus Ställen, in denen die Schweine auf Spaltenböden aus Beton statt auf Stroh stehen, sagt der Agrarexperte Burkhard Roloff in Schwerin. "Mit dieser Art Biogasanlagen wird die nicht artgerechte Tierhaltung über Jahrzehnte zementiert", kritisiert er.
Im mecklenburgischen Sukow vor den Toren der Landeshauptstadt Schwerin baut Landwirt Kay Solterbeck sein Wohnhaus dicht neben den künftigen Schweineställen und Biogasanlagen. Er sei "absolut überzeugt", dass von den Anlagen keine Gefahr ausgeht - und auch kein Gestank: "Alles ist hermetisch abgeschlossen, die Gülle geht unterirdisch ins Güllesilo. In der ganzen Anlage darf kein Gas entweichen." Zwei Ställe mit je 1498 Mastplätzen plant der Bauer, im Januar geht der erste in Betrieb.
Ab 1500 Plätzen braucht man eine Genehmigung nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz, schon mit einem Platz weniger wird diese Hürde umgangen. Der Gemeinderat hat dem Vorhaben des Schleswig- Holsteiners zugestimmt, in der Hoffnung auf kräftig fliessende Gewerbesteuern, gibt Bürgermeister Horst-Dieter Keding zu. Sonst müsse die Grundsteuer im Dorf verdoppelt oder verdreifacht werden.
Mittlerweile wehrt sich in der 1600 Einwohner zählenden Gemeinde eine Bürgerinitiative gegen das Projekt. Mitglied Harry Korr sagt sachlich, aber bestimmt: "Wir haben nichts gegen Biogasanlagen, aber gegen den Standort so dicht am Dorf. Es gibt Alternativen, wenige Kilometer entfernt." Die Bürgerinitiative stört auch, dass die Einwohner vom Bürgermeister nach ihrer Ansicht zu spät informiert wurden und dass nicht transparent ist, wer die Investoren sind - bisher traten fünf Bauherren für Ställe, Gasanlagen und Wohnhaus auf.
Korr sagt: "Wir wollen keinen Investor vertreiben, aber wir wollen auch selbst nicht vertrieben werden." Sukows Zukunft scheint düster: Nicht nur Gerüche, auch Keime und Antibiotika aus Tiermedikamenten könnten in die Umwelt gelangen. Zumindest 20 Jahre lang wird die Gemeinde auch mit dem Maisanbau leben müssen. Und mit Verkehr "ganzjährig wie zur Erntezeit", wie Roloff sagt. Wegen der Transporte von Mais, Futter und Gärrückständen. Diese würden auf Flächen nahe des Dorfes, aber auch nahe eines Vogelschutzgebietes am Schweriner See ausgebracht. "Wir prüfen, ob es naturschutzfachliche Auswirkungen gibt", macht BUND-Experte Roloff der Bürgerinitiative Hoffnung.
Auf einer Einwohnerversammlung wollen rund 200 Sukower wissen, was sie denn nun tatsächlich erwartet. Die Auskünfte sind ernüchternd, denn ausser von den Auswirkungen auf ihr Lebensumfeld erfahren sie auch vom Wertverlust ihrer Immobilien - um etwa 70 Prozent hat ein im Ort lebender Banker ermittelt. Der Grund: Bei Lebendtierhaltung werde ein Wohngebiet sofort zum Mischgebiet.
Etwa die Hälfte der Sukower ist nach der Wende ins Dorf gezogen, hat dort neu gebaut. Der Wertverlust wirke sich nicht erst beim Verkauf aus, sondern auch bei einer Finanzierung durch die Bank. Es sei mit Zinsaufschlägen zu rechnen, sobald nach Auslaufen der Zinsbindung über eine Verlängerung des Darlehns verhandelt werde. Margot Buchholz, Mitglied der Bürgerinitiative, ist betroffen: "Uns läuft die Zeit davon, mit jedem Stein, der verbaut wird."
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