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Blair setzt auf Atomenergie - Nach drei Jahrzehnten wieder neue AKWs?

dpa | 12.07.2006
Bild: Stromleitungen

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London (dpa) - Die "Times" brachte es in ihrer Karikatur am Mittwoch auf den Punkt: Eine Kuh mit zwei Köpfen, im Hintergrund ein Atomkraftreaktor. Der linke Kopf schaut einigermaßen trist, aber der rechte Kopf sagt mit zufriedenem Lächeln: "Andererseits müssen wir uns keine Sorgen über den Klimawandel machen!" Nach einigem Hin und Her hat Premierminister Tony Blair entschieden, dass Großbritannien neue Atomkraftwerke bekommen soll. Die Sorgen um den wachsenden Energiebedarf und den Klimawandel werden inzwischen höher bewertet als die Angst vor einem neuen "Tschernobyl".

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Die jetzige Entscheidung wäre vor einiger Zeit noch eine ziemliche Sensation gewesen. Nur drei Jahre ist es her, dass die Labour- Regierung in einem Weißbuch die Atomenergie als "unattraktive Option" bezeichnete. Aber in den vergangenen Monaten zeichnete sich der Sinneswandel schon ab. Blair warnte mehrfach davor, dass Großbritannien in die Abhängigkeit von Gas-Exporteuren wie Russland oder Algerien geraten könne, wenn es bei der jetzigen Politik bleibe. Außerdem würde man die internationalen Klimaschutzziele dann drastisch verfehlen.

In einem 216-Seiten-Bericht "The Energy Challenge" ("Die Energie- Herausforderung") gibt die Regierung nun grünes Licht für den Bau einer neuen Generation von AKWs. Zugleich will London dafür sorgen, dass die Nutzung alternativer Energien wie Windkraft oder Solarstrom ausgebaut wird. Die Energiepolitik sei "keine Frage des Entweder- Oder", sagt Blair. Die Lösung besteht nach seiner Meinung aus einem "Energie-Mix". Bei dieser Gelegenheit wird immer auch darauf verwiesen, dass die Atomkraftwerke heute erheblich sicherer seien als vor zwei Jahrzehnten noch.

Bislang vermeidet die Regierung aber noch jede Festlegung darauf, wie viele neue AKWs es geben soll und wo diese gebaut werden. Auch die Frage, wohin der nukleare Abfall kommt, muss noch geklärt werden. Die Entscheidung, so betont Industrieminister Alistair Darling, liege bei der Industrie. Aber die meisten Pro-Nuklear-Experten schätzen, dass sechs neue AKW erforderlich sein werden. Die meisten werden wohl dort entstehen, wo es bereits Atomkraftwerke gibt: in Hinckley zum Beispiel an der englischen Westküste oder in Hunterston, oben in Schottland.

Auch der Zeitplan ist bislang nur inoffiziell. Demnach werden die britischen Ableger der Energie-Multis wie EON, RWE oder EDF wohl bereits 2007 die erste Erlaubnis zum Bau eines neuen Atomkraftwerks beantragen. Baubeginn könnte dann 2012 sein. Ans Netz könnte das erste neue AKW dann vermutlich 2016/17 gehen - fast drei Jahrzehnte nach der heute modernsten Anlage in Sizewell an der Nordsee. Auf finanzielle Unterstützung von der Regierung können die Energiekonzerne dabei nicht mehr rechnen. Aber die Genehmigungsverfahren sollen vereinfacht werden.

Bislang wurden in Großbritannien 23 Atomanlagen gebaut, von denen heute noch zwölf am Netz sind. Sie decken etwa ein Fünftel (19 Prozent) des britischen Energiebedarfs. Gas hat einen Anteil von 40 Prozent, Kohle von 33 Prozent. Insgesamt ist die Nutzung der Atomenergie weniger umstritten als beispielsweise in Deutschland: Nach den jüngsten Umfragen halten sich Gegner und Befürworter in etwa die Waage. Allerdings wird vermutet, dass die jetzige Entscheidung der Anti-Atomkraft-Bewegung neuen Zulauf verschaffen wird.



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