Bei "Welt" und "Berliner Morgenpost" kommt nun das Internet zuerst
Die Steuerung der Nachrichtenströme für eine Zeitungsauflage von täglich rund 450 000 Exemplaren und das Internet mit über einer Million Seitenabrufen ist hoch sensibel. Dazu wurde in Berlin der nach Verlagsangaben "größte integrierte Newsroom" Deutschlands mit 55 Arbeitsplätzen auf 408 Quadratmetern eingerichtet. Dort sitzen die wichtigsten Blattmacher der Ressorts, Online-Redakteure und die drei Chefredakteure der Zeitungsgruppe. Sie stimmen auf Zuruf ab, in welchen Kanal Bilder, Texte, Videos, Hörstücke und Grafiken gehen. Seit August laufen die Proben. Nach Inbetriebnahme des "Newsrooms" am Freitag soll Anfang 2007 das neu konzipierte Portal "WeltOnline" gestartet werden - laut Keese ein hochwertiges journalistisches Angebot mit vielen Mitwirkungsmöglichkeiten der Nutzer.
Damit es im Großraum nicht drunter und drüber geht, gibt es strenge Regeln: So sind keine Büropflanzen erlaubt, um die Verständigung nicht zu behindern und den Blick auf die riesigen Videoleinwände frei zu halten. Da die Arbeitsplätze von 6.00 Uhr bis 0.30 Uhr wechselnd besetzt sind, darf auf den Schreibtischen nichts liegen bleiben. Die Putzkolonne wirft bis zum Beginn der Frühschicht alles weg, was nicht fest auf dem Tisch verankert ist.
Springer trägt mit der Umgestaltung den veränderten Gewohnheiten vor allem junger Menschen Rechnung, die mehr im Internet surfen und weniger Zeitung lesen. Außerdem will der Verlag vom steigenden Online-Werbeumsatz profitieren. Der Verlagsgeschäftsführer der Zeitungsgruppe "Welt/Berliner Morgenpost", Peter Würtenberger, betont: "In Großbritannien hat die Online-Werbung bereits die Print- Werbung überholt." Er will auch weitere Einnahmequellen erschließen: "Es liegt nahe, diese Premium-Positionierung auch für die Vermarktung von Produkten der höheren Preisklasse zu nutzen."
Nach der Fusion von "Berliner Morgenpost" und "Welt" 2002 kommt damit erneut eine durchgreifende Umorganisation auf die Redaktionen zu. Gleichzeitig gibt es mehr Konkurrenz unter den Internet- Nachrichtenanbietern wie "Spiegel Online", "faz.net" oder "stern.de". Der Verlag folgt Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner, der im Mai in einem Aufsatz für die "Welt" Befürchtungen über den Untergang der Zeitungen zurückgewiesen hatte. Nach seiner Einschätzung sind exklusive Neuigkeiten, eigenständige Meinungen und Artikel in eindringlicher Sprache auch in Zukunft gefragt - aber irgendwann einmal vor allem digital. Seine Schlussfolgerung lautet: "Wir Verlagsmanager müssen uns deshalb noch bewusster werden, dass unser Geschäft nicht das Bedrucken von Papier ist, sondern Journalismus."
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