Ärger auf Sachalin: Der Kreml mischt im Energiepoker die Karten neu
Die von russischer Seite in Frage gestellten Produktionsabkommen (Product Sharing Agreement, PSA) sehen vor, dass die Ausländer erst dann Steuern zahlen müssen, wenn die Gewinne die Investitionskosten übersteigen. Der für die Ausländer höchst profitable Vertrag zu Sachalin-2 stammt noch aus dem Jahr 1993, als Russlands Wirtschaft am Boden lag und das Geld für eigene Förderprojekte fehlte.
Durch die anhaltend hohen Rohstoffpreise haben sich die Vorzeichen geändert. Unter Präsident Wladimir Putin hat der Kreml wieder das Heft in die Hand genommen. Öl und Gas dürfen nicht mehr ohne Beteiligung russischer Konzerne gefördert und exportiert werden.
Rein rechtlich behalten die PSA zwar ihre Gültigkeit, aber durch die bürokratischen Hürden drohen Shell Vertragsstrafen in geschätzter Höhe von mehreren hundert Millionen Dollar. Eigentlich wollte man 2008 mit der Förderung vor Sachalin beginnen. Das Gas ist längst mit Zukunftsverträgen an Abnehmer im benachbarten Japan, in Korea sowie in den USA und Mexiko verkauft. Mit ähnlichen Problemen auf dem russischen Markt müssen sich auch die Shell-Konkurrenten Exxon Mobil und Total herumschlagen.
Hinter der angeblichen Sorge Moskaus um die Umweltverträglichkeit der Energieförderung im Land stehen nach Ansicht von Experten handfeste politische und wirtschaftliche Interessen. Die Tageszeitung "Kommersant" wertet das Einschreiten der Behörden auf Sachalin als "Politökologie". Der Analyst Oleg Maximow vom Moskauer Investmenthaus Troika Dialog erwartet, dass die ausländischen Partner einlenken werden und die Anwendung der aktuellen Steuerregelung akzeptieren.
Letztlich dürften die Ausländer gezwungen sein, die russischen Konzerne Gasprom und Rosneft mit ins Boot zu nehmen, vermuten die Experten von Deutsche UFG in Moskau. Im Gegenzug könnten die Russen Shell den Einstieg in das riesige Schtokman-Gasvorkommen im nördlichen Eismeer anbieten.
Schritt für Schritt hat der Kreml seinen Einfluss auf den Rohstoffsektor ausgebaut. Erst wurde der einst größte russische Ölkonzern Yukos zerschlagen und dessen Förderstätten dem staatlichen Konkurrenten Rosneft zugeschlagen. Dann verkündete der Gasprom- Konzern vor einem Jahr die Übernahme des bis dahin viertgrößten Ölkonzerns Sibneft für 11 Milliarden Euro. Die Moskauer Wirtschaftszeitung "Wedomosti" berichtete zum Wochenbeginn, Gasprom sei auch an einer Übernahme der russischen Anteile am Ölkonzern TNK- BP, nach Marktkapitalisierung die Nummer drei im Land, im geschätzten Wert von 15 bis 20 Milliarden Dollar interessiert.
Das Moskauer Brokerhaus Aton wertete eine Drohung des Rohstoff- Ministeriums, die bestehenden PSA sogar komplett aufzukündigen, als schlechtes Omen für das Investitionsklima in Russland. Die Moskauer Börse scheint diese Risiken längst berücksichtigt zu haben. Trotz der Nachrichten aus dem Fernen Osten hielt sich der Moskauer RTS-Index in den vergangenen Tagen stabil im Plus.
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